Antworten auf die „Flüchtlingsfrage“

_refugees_are_human_beingsMedien verschiedener Couleur hauen ja immer mal daneben, wenn es um Schlagzeilen geht. Empathie und Pietät muss man mitunter suchen – manchmal ist im Teaser oder im eigentlichen Beitrag mehr davon verbaut, als der Titel vorgibt. Weil aber dieser Titel bekanntlich die Klickzahlen liefert, wird oft scharf geschossen.

In den letzten Wochen wurden an mehreren Stellen Begriffe diskutiert, die derzeit das große Thema versuchen zu fassen: „Flüchtlingskrise“ ist wohl der bekannteste. Von „Schwemme“ wurde in den 1990er Jahren gesprochen, heute ist es eine „Flut“ (Bild , Welt , Handelsblatt), die es einzudämmen gelte.

Nun hat nicht nur Spiegel Online die „Flüchtlingsfrage“ als Begriff für sich entdeckt, sondern auch Tagesschau, FAZ, n-tv und viele andere. Eine Google-Suche ergibt rund 600.000 Treffer. An der sprachlichen Nähe zur „Judenfrage“ scheint sich dabei kaum jemand zu stoßen. Die wiederum wurde als Formulierung ab dem 18. Jahrhundert verwendet und endete als menschenverachtendste Phrase, die das NS-Regime kolportierte: als „Endlösung der Judenfrage“. Wenn Spiegel Online titelt „Anne Will: Das Scheitern an der Flüchtlingsfrage“, wo befinden wir uns dann auf dem Weg zur „Antwort“? Oder geht es doch um eine „Lösung“? Womöglich um eine, die dem Ganzen ein Ende macht? Allein die Verdichtung auf einen Begriff ist ein Gewaltakt.

Doch auch die „Flüchtlingskrise“, die scheinbar neutral daherkommt, zeigt das stete und scheinbar unauflösbare „Wir-gegen-die-Anderen“ bzw. „Die-gegen-uns“. Es geht eben nicht um die Krise, die die Flüchtenden täglich durchstehen müssen, um die politische Konstellation, die Menschen in die Flucht treibt. Sondern um eine Krise, die durch Schutzsuchende erst zustande gekommen ist und nun die Angst schürt, Sicherheit und Wohlstand seien in Gefahr. Am Ende gar „unsere“ Kultur.

Mit Begriffen, die diese Trennung zwischen „denen“ und „uns“ aufmachen, wurde schon der Hass gegen Juden gefestigt. Auch wenn die Ausmaße von damals hoffentlich nie wieder erreicht werden, ist nicht klar, welche Richtung Europa einschlägt, um den Menschen an den Außengrenzen dieses Kontinents zu begegnen. In diesem Sinne kann man nicht oft genug auf die Abgründe der Wortwahl aufmerksam machen, mit der die Lebenswelten „der Europäer“ und „der Anderen“ vehement voneinander trennt werden.

Bild übrigens kennt jemanden, der eine Antwort hat: Ein Vierjähriger sagte vor ein paar Wochen auf die Frage von Rapper Fard, ob es in seinem Kindergarten auch Ausländer gebe, salopp: „Nein, da sind nur Kinder“. Der Titel bei Bild: „Dieser Vierjährige beantwortet die Flüchtlingsfrage“. Ein Schelm, der Bild hier Böses unterstellt.

    1. kleines Mißverständnis: es ging mir da nicht um die Farbe (da habe ich falsch zitiert); es ging mir um den oft und gern verwendeten abstrakten Begriff „Medien“, hinter dem sowohl die Journalisten als auch die Medienunternehmer(innen) samt ihren doch recht unterschiedlichen Interessen verschwinden.
      Entschuldigen Sie bitte!

  1. Wenn schon die Regierung innerhalb von Stunden von links auf rechts schwenkt, wer möchte da noch über die Sprache der Medien in dieser Zeit philosophieren?

    Mir fällt nur ein Wort ein, was die derzeitige Situation (politisch sowie medial) beschreibt: Hilflosigkeit.
    Eben typisch für ein selbst geschaffenes Dilemma…

    1. Der Kampf um die Sache folgt dem Begriff, weil jener erst die Bedeutung liefert. Es macht also einen erheblichen Unterschied, ob man geschichtsvergessen und latent aggresiv die „Flüchtlingsfrage“ stellt, oder ob die Dinge sachlich und human diskutiert werden. Die Verdichtung auf eine vermeintliche Frage (ohne dass tatsächlich eine Frage gestellt wird) legt die Spur zu einer einzigen, klaren, robusten Antwort. Man kann Hilflosigkeit attestieren und dann alle Viere von sich strecken. Oder man versucht an der Deutung zu drehen.

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