Das Gerücht und die „Lügenpresse“

passieren3Dieser Tage zirkulieren unzählige Gerüchte, vor allem wenn es um geflüchtete Menschen geht. Sie wollten nur in die deutsche Hängematte (als würde sich ein Syrer, der vor dem Krieg in seinem Land fliehen muss, SGB I bis SGB XII zu Gemüte führen). In Schmiedeberg wird beharrlich die Geschichte erzählt, dass staatlich finanzierte Prostituierte in die Flüchtlingsunterkunft gekarrt würden. Und jeder national bewegte Bürger weiß mittlerweile, dass Antifa-Aktivisten allein für ihr Kommen 25 Euro die Stunde kassieren, nur weil die taz einst einen herrlich mit satirischem Ernst formulierten Text veröffentlichte. Wie allerdings kommt es, dass noch das absurdeste Gerücht seinen festen Platz im Wissen behaupten kann? Die sozialen Medien sind nur ein Teil der Antwort.

Sicher, Gerüchte, also unverbürgte Nachrichten, gibt es schon länger. Wann immer Wissen zirkuliert, steht zumindest der Verdacht im Raum, dass Lügen, Erfindungen und Halbwahrheiten die Angelegenheit nähren und etwa aus der berühmten Mücke den Elefanten machen. Ebenfalls überliefert ist, dass Gerüchte Funktionen erfüllen bzw. gerade dort Raum greifen, wo Differenzierungen nicht erwünscht sind. Wer das Bild eines substantiell Anderen zeichnen will (die Theorie kennt dafür den Begriff „Othering“), wer – wie aktuell Mode – den bösen Flüchtling an die Wand malen will, wird sich ausgiebig des Gerüchts bedienen. Die Vorzüge sind schlagend: Mit den besonders in Sachsen so prominenten mündlich oder per sozialen Medien transportierten Geschichten wird eine geschlossene Gruppe (die „Asylanten“) imaginiert, die Böses will und Böses tut. Und sie lässt sich in der Addition all der erfundenen oder mindestens aufgebauschten Geschichten als das Andere des ebenso imaginierten Deutschen stilisieren. Der Gruppe werden Eigenschaften angedichtet, die sie nach innen zusammenschweißt und den einzelnen Menschen zur gegenstandslosen Teilmenge verrührt. „Asylant“ ist „Asylant“ und fertig. Und schließlich: Hat man einmal ein vermeintliches Außen der vermeintlich deutschen Gesellschaft zusammengezimmert, lässt sich der eigene Ärger recht umstandslos auslagern. Weil sozial- und gesellschaftskritische Argumente in einer auf bissige Konkurrenz getrimmten Gesellschaft komplex sind und die eigene Ohnmacht gegenüber „dem System“ zeigen würden, werden sie umgeleitet auf den bösen Anderen. Dieser zehre wahlweise die Sozialkasse auf oder klaue unablässig, vor allem den Deutschen die Arbeitsplätze. Soweit ist das freilich nichts Neues. Die Tragweite, die Gerüchte gegenwärtig einnehmen, ist allerdings erstaunlich. Man könnte meinen, die dazugehörige Küche versorge das Volk beinahe flächendeckend.

Erfundene oder stark überzeichnete Geschichten von Flüchtenden oder Migranten haben also Konjunktur. Sie sind nötig, um eine politisch oder sachlich haltlose Position zu stabilisieren bzw. um sie überhaupt möglich zu machen. Und sie grenzen sich – im Kanon mit dem schallenden Ruf „Lügenpresse“ – von allem ab, was mittels üblicher Kanäle argumentiert, erklärt oder einfach dargestellt wird. Und gerade in der Kombination aus Gerücht und Medienschelte liegt die neue Qualität. Während die erfundene oder verdrehte Geschichte früher einiger Zeit bedurfte, um zu zirkulieren und sich im Sortiment des kleinbürgerlichen Ressentiments festzusetzen, kann sie nun über die bekannten Wege umgehend ihre Wirkung entfalten. Es scheint, als gäbe es keinen Unterschied mehr zwischen dem Gerede in Kommentaren bzw. Posts und dem, was landläufig als Journalismus benannt und lange als vierte Macht im Staat (neben Exekutive, Legislative und Judikative) gepriesen wurde. Man mag dies den entfesselten Kräften sozialer Netzwerke zuschieben, es hat allerdings auch etwas mit dem Mediengeschäft zu tun.
Die doppelte Konkurrenz, die mit der Digitalisierung Einzug hielt (einerseits die unmittelbare Verfügbarkeit unzähliger alternativer Angebote und andererseits das Magnetfeld sozialer Netzwerke), hat eine erhebliche Beschleunigung provoziert. Es ist heute unvorstellbar, dass die BBC in den 1950er Jahren eine Nachrichtensendung an- und gleichzeitig abmoderierte, weil nichts zu berichten war. Die permanent durstige massenmediale Maschine muss unentwegt mit Neuigkeiten und Skandalen, Debatten und Beiträgen abgefüllt werden, gehetzt vom prekären Anzeigengeschäft. Letzteres führt die Berichterstattung immer weiter auf die Masse zu, weil schließlich nur Klicks und Auflage die Kassen klingeln lassen. In diesem medialen Trubel verschwimmen die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Tatsache, Lüge und Deutung noch besser als früher und die Medienschaffenden können sich  (mitunter und nicht grundsätzlich freilich) dazu aufschwingen, alles mögliche zu behaupten – ähnlich übrigens wie politische Würdenträger. Gerade das lässt sich gegenwärtig allenthalben beobachten und führt gleichzeitig zur indirekten Aufwertung der Gerüchte. Wenn Nachrichten im Zusammenspiel mit Aussagen von Politikern auch nicht seriöser sind, dann gibt es keinen Grund, dem Post eines besorgten Bürgers, der von der Tochter des Nachbarn gehört hat, dass … weniger Gewicht beizumessen.
Beispiele für eine Nivellierung von Gerücht und Nachricht gibt es als Kiloware. Wenn es etwa möglich ist, die deutsche Öffentlichkeit glauben zu lassen, dass Griechenland Deutschland Geld schulde wie ein Häuslebauer der Bank, warum sollte es dann nicht stimmen, dass die Antifa pro Stunde bezahlt wird oder Geflüchtete auf Staatskosten mit Prostituierten bespaßt werden? Wenn Angela Merkel, um ein älteres Beispiel aufzurufen, ungestraft behaupten kann, dass man dieser Tage nicht sagen könne, „die Atomkraftwerke sind sicher, aber sie sind sicher“, wenn ein ganzer Chor brüllt, die Griechen sollten ihre Hausaufgaben machen, und wenn man einfach so bekennende Nazigruppen und ausländerfeindliche Bürger als „Asylkritiker“ umschmeichelt, dann ist die vierte Macht auf den Hund gekommen. Selbst wenn die Medien, wie gleichfalls oft genug zu lesen, ihre Arbeit auf’s Beste erledigen und gut recherchierte Berichte streuen, gehen diese einzelnen Schüsse im Dauerfeuer unter. Schließlich bleibt zudem unklar, anhand welcher Kriterien die guten ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen sortiert werden können.

Am Ende bleibt, dass nicht nur das technische Setting Gerüchten auf die Beine hilft. Das permanente mediale Gewitter, in dessen Lärm noch die dreisteste Umdeutung der Wirklichkeit selbst in kanonische Organe wie den Spiegel, die Welt und viele andere Eingang finden darf, öffnet den virtuellen Raum für Gerüchte. Der Unterschied ist verschwunden.

[rf]

Foto: Jan Hanisch

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