Ein Parasit geht um

800px-Sarcoptes_scabei_2Das passt mal wieder ins Bild. In der Dresdner Zeltstadt für geflüchtete Menschen soll die Krätze ausgebrochen sein (siehe MoPo vom 31.7.2015). Mit einer solchen Schlagzeile berichtet das Boulevardblatt Morgenpost nicht nur von üblen Zuständen im Camp. Ganz beiläufig kolportiert es auch abgeschmackte Stereotype, die traditionell am Namen einer Krankheit hängen. Und Holm Felber von der Landesdirektion Sachsen nährt ausländerfeindliche Ressentiments – ohne es zu bemerken.

Wann immer Menschen in Mengen aufeinanderhocken, besteht das Risiko, dass die Hautkrankheit Scabies auftritt und sich verbreitet. Der Name Krätze allerdings versprüht länger schon ein symbolisches Gift, weil an ihm die ekelhafte Vorstellung hängt, dass kleine Tiere unter die Haut kriechen und sich dort heimisch fühlen. Die Oberflächensymptome – juckende, zersetzte Haut usw. – haben die Wahrnehmung der an sich eher harmlosen Krankheit geprägt und dazu geführt, dass sie mit Verunreinigung und mangelnder Hygiene assoziiert wird. Soweit bekannt, ist das falsch (selbst die Bild hat das schon berichtet). Ähnlich wie im Fall von Läusen handelt es sich um ein altes, antiproletarisches Vorurteil. Jeweils hat der Befall, entweder mit Läusen oder Milben, nichts mit Reinlichkeit und sozialen Verhältnissen zu tun.

Zudem ist Krätze nicht selten. Im Klinikum Coburg und in Schulen und Kindertagesstätten in Düsseldorf oder in Lemgo etwa wurden Ende 2013 und 2014 Ausbrüche der Krankheit gemeldet.  Kleinere Fälle dürften unterhalb der Wahrnehmbarkeitsschwelle verlaufen. Aber wenn Krätze in  Flüchtlingsheimen auftritt, triggert das die Volksseele besonders. Hier kocht das Bild, die alte Verknüpfung von Verwahrlosung und Erkrankung wieder hoch und verkettet sich mit dem Stereotyp des Fremden, der gleich noch eine fiese Krankheit mitbringt. So jedenfalls klingt der Sound, wenn Felber die Angelegenheit erklären und vermeintlich entschärfen will. Die MoPo zitiert ihn mit den Worten: „Viele haben auf ihrer Reise nach Deutschland lange Zeit unter schlechten hygienischen Bedingungen gelebt. Sie haben die Krankheit praktisch mitgebracht.“ Mit Blick auf die Inkubationszeit mag das stimmen, hygienische Bedingungen zu bemühen, ist sicher falsch. Während schließlich vergleichbare Artikel zu Fällen ohne Flüchtlinge meistens mit einer Beruhigungspille verteilt werden (im Sinne von: das ist eher normal, hat nichts mit Reinlichkeit zu tun und geht fast immer glimpflich vorüber), schrillen die Alarmglocken umso lauter, wenn Flüchtlinge die Milben verteilen. Die MoPo hat noch zwei rot und blau hervorgehobene Überschriften im Köcher: „WIE GEFÄHRLICH IST DIE KRÄTZE?“ und „GROSSE INFEKTIONSGEFAHR“. Einmal mehr wird – vermittelt freilich – das Gespenst des Flüchtlings an die Wand gemalt, der nicht nur parasitär am Gesellschaftskörper klebt, sondern auch noch Krankheiten einschleppt.

Bild: Wikipedia

[rf]

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