Lasst Opa brabbeln: Warum Gauland nicht das Problem ist

Gauland_Zuschnitt
Bild: Metropolico.org, CC BY-SA 2.0

Das Offensichtliche zuerst: Alexander Gauland ist ein nationalistischer Scharfmacher, der Hitler gern rechts überholen will. Sein Geschichtsbild ist ekelhaft und revisionistisch, und seine jüngsten Aussagen zur deutschen Geschichte provozieren amtlichen Brechreiz. Aber das Problem ist nicht er, weshalb die Aufregung um seine Aussagen einigermaßen ungeschickt ist. Zwei Dinge sind bedeutender als die letztlich immer gleiche provokante Leier von Gauland und seinen Mitstreitern: Einerseits bedient er sich eines lästigen Reiz-Reaktionsschemas, das vor allem ihn und seine Partei im Fokus der Aufmerksamkeit hält. Andererseits spitzt er nur einen Gedankengang oder eine Deutung zu, die selbst im bürgerlichen Lager selbstverständlich ist: Die Erzählung vom gesunden Nationalismus.

Nachdem Gauland vor einer Gruppe von Menschen, die so wenig wie kaum jemand sonst den Namen „Junge Alternative“ verdient hat, die tausendjährige Geschichte Deutschlands beschwor und die NS-Zeit samt und sonders zur Marginalie degradierte, waren die Reaktionen heftig. Entsetzt, wütend oder spöttisch wurde Gaulands Vogelschissmetapher kommentiert. Das ist nachvollziehbar und in der Sache richtig. Allerdings dürfte es niemanden mehr überraschen, dass aus Kreisen der AfD solche Töne an die Öffentlichkeit drängen. Viel zu lange und viel zu oft hat die Partei deutlich gemacht, dass sie faktisch nichts von einer rechtsradikalen Partei unterscheidet. Nicht zu Unrecht hatte sich Udo Pastörs von der NPD beschwert, dass die AfD Dinge sagen dürfe, für die er angezählt wird. Und längst ist klar, dass ein Teil der Wähler und Wählerinnen die AfD genau dafür wählt – und den anderen, die ihr Kreuz an selbiger Stelle hinterlassen, ist es egal.

Bei all der nachvollziehbaren Wut über Gaulands bewusst gesetzte, geschichtsrevisionistische Aussage sollte allerdings ihr Status und ihr Zweck bedacht werden: Es handelt sich um eine Provokation. Den AfD-Nachwuchs muss er von diesem Geschichtsbild sicherlich nicht mehr überzeugen. Daraus folgt freilich nicht, Gaulands Gezeter sei sachlich gar nicht so gemeint und nur eine rhetorische Übertreibung. Er meint, was er sagt und ist sich der Konsequenzen durchaus bewusst. Adressaten der Aussage sind allerdings nicht zuletzt jene, die anschließend in Medien und sozialen Netzwerken über Gauland schimpfen. Der geneigte reaktionäre Bürger lacht sich derweil ins Fäustchen ob der gelungenen Provokation („Hi,hi, das wird die Linken ärgern.“) und Gauland hat es einmal mehr geschafft, den Markennamen und die nationalistische Message tausendfach zu platzieren. Well played, das Handwerk des Demagogen, der die neurotischen Ängste seines Publikums nur verstärken will, beherrscht Gauland. Und die kritische Öffentlichkeit tut wie ihr geheißen: Sie erregt sich und teilt und teilt und teilt, bis die Vogelschissmetapher auch im letzten Winkel der Republik angekommen ist.

Das zweite Problem, das viel größer ist als Gauland (der, wenn alles halbwegs gut läuft, als Vogelschiss in die deutsche Geschichte eingehen dürfte), hat weniger mit Medien und mehr mit dem Zeitgeist zu tun. Seit längerem bereits ist eine Renaissance des Nationalen zu erleben, die selbst bürgerliche Kreise erfasst hat. Stationen dieser Renormalisierung einer emotional aufgeladenen Nationalgeschichte, die Integration und Zusammenhalt stiften soll, gibt es viele: Der Aufstieg der Berliner Republik, die Kampagne „Wir sind Deutschland“, der vermeintlich harmlose Party-Patriotismus zur Fußballweltmeisterschaft 2006, endlose Zwischenstationen und schließlich die Umbenennung des Innenministeriums in Heimat- und Innenministerium. Selbst Leute wie Thea Dorn oder Yascha Mounk, die sich für links oder so etwas ähnliches halten, wollen mittlerweile das Nationale progressiv deuten, um es nicht den Rechten zu überlassen.

Das hat auf den ersten Blick nicht viel mit dem Vogelschiss Gauland(s) zu tun. Die Frage ist allerdings, wie Nationalismus und die NS-Geschichte zusammenhängen. Seit vielen Jahren ist die Einsicht gereift, dass das eine das andere bedingt bzw. hervorgerufen hat (wenn auch nicht alleinig), weil das Soziale und Gesellschaftliche mit dem Biologischen verwechselt wurde: Aus einem sich ständig verändernden Arrangement aus Menschen, Räumen und Gesetzen wird ein Organismus, der für seine Selbsterhaltung sorgen müsse. Die alte Integrationskraft der Religion ist ins pseudonatürliche Kollektiv gewandert, was brutale weil vermeintlich natürliche Ausschlüsse produziert. Im Begriff Nation (jedenfalls in der deutschen Lesart) steckt „von Geburt an“, also der Irrglaube, dass alle ihre Angehörigen eine natürliche Gemeinschaft bilden und alle anderen Fremde sind, die mindestens potentiell den Organismus bedrohen. Der biologistische Bezug lässt sich aus Begriff und Sache nicht so einfach verjagen. Das gesamte Phantasma der nationalen Geschlossenheit bereitet also strukturell das vor, was im NS passierte. Nicht zufällig spielten Vorstellungen wie Volksgesundheit oder -schädling und Parasit im Nationalsozialismus eine herausragende Rolle. Antifaschistisch war im Kern immer antinational. Es braucht andere Ideen von Gemeinschaft und Solidarität, die ohne biologistische Fehldeutungen auskommen. Die Renaissance vermeintlich harmloser nationaler Narrative oder Ideen eines gesunden weil progressiven Nationalismus starten, so gesehen, vom völlig falschen Punkt.

Um zu Gauland zurückzukommen: Wenn es einen gesunden Nationalismus gäbe, wie neuerdings immer häufiger zu hören ist, dann wäre der Nationalsozialismus nur ein bedauerlicher Unfall im Rahmen einer ansonsten durchaus netten Idee. Und die Differenz zwischen Gauland und zivilisierteren Versionen von Nationalismus, wie ihn an vorderster Front Werner Patzelt, Horst Seehofer oder Peter Hahne (um nur einige zu nennen) fordern, wäre dann nur noch ein Frage der Gewichtung: Auch ein Vogelschiss kann ein Unfall sein. Tatsächlich allerdings waren Nationalsozialismus und Holocaust bekanntlich der Zivilisationsbruch, der aufs Schärfste gezeigt hat, was Nationalismus, was also der falsche Gedanke von natürlichen Gemeinschaften anrichten kann. Das eigentliche Problem ist also, dass Gaulands Aussage an beachtliche Teile des bürgerlichen Lagers anschlussfähig sein dürfte, die zwar eine andere Gewichtung vornehmen würden, aber die Jahre von 1933 bis 1945 auch nur als leidigen Unfall einer an sich unschuldigen Sache verstehen.

 

  1. Wo bleibt der Aufschrei? Wo bleibt das Anstandsgezeter?

    Stimmt! ABER: es ging in der Aktion eindeutig darum Gauland als Person zu demütigen. Daher: wer die Würde des Menschen dauernd beschwört, muss – so schwer es manchmal fällt – dieses Prinzip auch bei „Gegnern“ (egal was „die andere Seite“ macht) befolgen. Ansonsten ist man einfach nur genauso…

    1. Das ist wirklich lustig. Der Knabe hatte noch seine Badehose an (außerdem war er ja illegal baden). Er hatte sich vor dem Sachenklau freiwillig ausgezogen. Und hier wird von der „Würde des Menschen“ gefaselt. Das ist wirklich schräg, sagt aber viel aus über die unbändigen Kräfte von Projektion und Verdrängung. Aber das merken (nicht wissen) Sie selbst, Berlinbär.

      1. Mir ist Gaulands Badehose egal. ABER: die Liste ist beliebig lang.

        – Spießrutenlaufen für Leute, die zu einer AfD-Versantaltung wollen
        – Tortenwürfe gegen jeden
        – Mahnmale im Garten von AfDlern

        Von den verbalen Entgleisungen gar nicht zu sprechen…also, bitte, wer jetzt so tut, als wenn Linke irgendwelche höheren Standards haben, lügt sich in die tasche

      2. Ach, das ist so lächerlich. Sterben lassen und sterben machen, wie es europäischen Grenzen bereits tun und wie es die neuen Rechten noch viel umfassender tun wollen, wird auf Augenhöhe verhandelt mit Torten werfen und Badehosen. Hunderte Tote rechter Gewalt in den letzten 20 Jahren, hunderte Angriffe auf Flüchtlingsheime in den letzten Jahren werden gleichgesetzt mit Gepöbel gegen AfD-Leute? Herr Berlinbär, Sie wissen es selbst, Sie sind unanständig. Und es reicht jetzt. Weitere Kommentare dieser Art werden nicht freigeschaltet. Tragen Sie Ihr Genöle doch bitte woanders aus. Wir haben genug.

  2. Das Niveau „linken“ Widerstands. Sorry, schlimmer als die Aktion sind die Kommentare. Wundert es wirklich, warum Links % um % verliert? Will ich von solchen Typen, deren Ernsthaftigkeit ganau bis zur Unterhose Gaulands geht, regiert werden. Nö. lass mal bleiben, da ist mir Lindner doch lieber. Die Linke heute – eine Bandbreite von Gaulands Unterhose bis zu den „offenen Grenzen“ – oder stumpfsinniger Hedonismus mit Spassfaktor und „I want it all – but others need to pay“-Mentalität.

    http://www.taz.de/AfD-Chef-beim-Baden-bestohlen/!5510948/

      1. Wir haben das Bild nicht geteilt oder kommentiert. Woher also kommen die schroffen Anfeindungen, Kallipoe? Außerdem handelt es sich um eine außerordentlich verlogene Debatte. Menschen sterben an den Eu-Außengrenzen, die Politik rasselt unentwegt mit dem Säbel, wenn es um Geflüchtete geht und denkt sehr praktisch über Ankerzentren nach, die Polizeibehörden entgrenzen sich und lassen den Überwachungsstaat Realität werden. Schrittweise werden noch die letzten Bastionen von Humanität und Liberalität einer Sicherheitsparanoia geoopfert. Und wir sollen nicht über ein harmloses Manöver und ein ebenso harmloses Bild schmunzeln dürfen? Das ist lächerlich. Kollege Gauland befeuert den Hass und die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, er will Boateng nicht als Nachbar, aber mit der Zivilisiertheit geht es zu Ende, wenn man über einen Herrn in Badehose lächelt? Was ist dann mit dem Boulevard, mit Bild, Tag24 und anderen Wurstblättern, die jeden Skanal schick bebildert auskosten? Was ist mit den Tonnen unzivilisierter Berichterstattung über sexueller Gewalt, die immer zu reißerisch bebildert werden? Wo bleibt der Aufschrei? Wo bleibt das Anstandsgezeter?

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