Polizisten sind auch Menschen

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Foto: Thunderchild7

Wieder ist die Aufregung groß: Ein Polizist wurde ermordet. Dieses Mal in Paris. Es handelt sich um den Polizeikommandanten. Auch dessen Frau wurde tödlich verletzt, nur der dreijährige Sohn hat überlebt. Täter: Ein Mann, der wegen geplanter terroristischer Attentate in Haft saß und nun auf Bewährung freigelassen worden war. Jetzt ist er ein Polizistenmörder.

Die Rede ist von einem „abstoßenden Terrorangriff“ (Spiegel Online zitiert die französischen Behörden). Nun stellt sich die Frage, ob es sich wirklich um einen solchen Angriff handelt. Dass der Begriff Terror übermäßig oft verwendet wird und mittlerweile beinahe zu hohl ist, um etwas auszusagen, ist ein anderes Thema. Sprechen wir also von Mord, von einem „abstoßenden Mord“. Das mag man so formulieren. Aber gilt das nicht für jeden Mord?

Als abstoßend gilt hier vermutlich besonders eines: Das Opfer ist Polizist. Dazu noch ein ranghoher. Die Figur des Polizisten beschwört immer wieder einen besonderen Mythos und führt zu einer speziellen Kategorie, zur Unterscheidung zwischen einem ordinären Mord und einem herauszuhebenden Polizistenmord.
Was genau ist es, das Polizisten so besonders macht? Weil sie sich – zumindest in der Theorie – dafür hergeben, für Recht und Ordnung zu sorgen und dabei mitunter ihr Leben riskieren, im Dienst für die Gesellschaft? Das allerdings gilt für recht viele Berufe: Helfer in Krisengebieten, Feuerwehrleute, Bombenentschärfer, Testpiloten, Bodyguards, um nur einige zu nennen. Nein, die Gefahr des Berufs ist es nicht. Zumal es genug Polizisten gibt, die ihr Leben wohl eher am Büroschreibtisch aufs Spiel setzen.

Die Bekanntheit eines Einzelnen erklärt die besondere Benennung auch nicht, denn Politiker, Stars oder Menschen wie der Papst sind ebenso hochgradig gefährdet, Opfer eines Attentats zu werden.

Was bleibt, ist das Amt und sein Mythos: Hier scheint sich das Sicherheitsgefühl unserer Gesellschaft zu manifestieren. Soldaten sind weit weg, außerhalb des Blickfeldes. Sie verteidigen schließlich „unsere Freiheit am Hindukusch“ (Peter Struck). Die nächsten, die nach Soldaten also für unsere Unversehrtheit sorgen sollen, sind die Polizisten. Wird einer von ihnen getötet, wird im gesellschaftlichen Bewusstsein auch der Schutz eines jeden anderen geschwächt. Wir werden verwundbar wie Schnecken ohne Haus, weil das Gewaltmonopol des Staates doch nicht immun gegenüber solchen Angriffen ist.

Über den Mord an 49 Menschen in Orlando, bei dem ein Mann in einem Nachtclub um sich schoss, sagte dagegen eine Korrespondentin der Tagesschau, der Anschlag treffe Amerika ins Mark – und zu einer sehr ungünstigen Zeit. Mitten im Wahlkampf. Ihr Tod wirkt sich also auf die nächsten Schritte der Politik aus. Es sind eben nur Partygäste, die da gestorben sind, und keine Polizisten. Was ein besserer Zeitpunkt für eine entsprechende Tat sein soll, erwähnt die Journalistin nicht.

Es gibt Frauenmörder, die ihre Opfer in Serie umbringen. Es gibt Kindermörder. Einen Männermörder gibt es interessanterweise nicht. Auch andere Komposita zeigen üblicherweise an, dass es sich um eine Reihe von Menschen handelt, die eine Gemeinsamkeit haben und sie zur Zielgruppe eines Serientäters macht. Wer eine einzelne Frau tötet, ist schlicht ein Mörder. Aber wer einen Polizisten tötet, steht auf der gleichen Stufe wie ein Serienkiller. Das Opfer nimmt über sich hinaus seinen Mythos mit in den Tod.

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