Städtische „Fremdkörper“

fremdkörper
Eine Zahnbürste im Magen: Ein „Fremdkörper“ wie die Leipziger Freisitze?

Heizpilze und Folie, trockene Augen und ein angewärmter Gehweg: Man muss die Freisitzkultur auf der Leipziger Karl-Liebknecht-Straße (und andernorts) nicht mögen. Weder ästhetisch noch der Sache nach. Genauso kann es Gegenstand der Verhandlung sein, ob solche Installationen erlaubt sein sollen oder nicht. Was allerdings Leipzigs Baudezernentin Dorothee Dubrau von den Grünen vom Stapel gelassen haben soll, um die halben Häuser zu unterbinden, ist mindestens eigenwillig. Sie erklärt die Stadt zum organischen, natürlichen Raum, der sich einen Splitter eingezogen hat.

Jedenfalls kolportiert die Morgenpost einen Ausspruch Dubraus, der als Begründung dienen soll: Die eingepferchten Stühle und Tische im Freien seinen „gebietsuntypische Fremdkörper„. Die Baudezernentin ist Grün (also von den Grünen), was mitunter einen gewissen Hang zur Natur mitbringt. Auch nicht restlos ungewöhnlich im grünen Milieu ist eine Art Bio-Tourette, mit dem unterschiedliche naturalistische Überblendungen einhergehen können. Aber einen Stadtraum – der Inbegriff von Kultur, also menschengemachten Dingen – als organisches Gewächs zu assoziieren, spielt dann doch in einer eigenen Liga.  Üblicherweise etwa sind Geldstücke im Magen oder Spielzeugautos im Darm „Fremdkörper“, also feste Gegenstände, die von außen in ein Gewebe oder in Hohlorgane eingewachsen oder eingedrungen sind.

Nun wäre es wohlfeil zu verdrängen, dass „Fremdkörper“ auch eine veritable Metapher sein kann. Allerdings ist diese mit viel Vorsicht zu genießen, schließlich spielt sie immer mit einem vermeintlich natürlichen und geschlossenen Körper, der bedroht werde. Fremdkörper werden in aller Regel abgestoßen oder schädigen den Organismus. Historisch ist dieses sprachliche Bild böse kontaminiert. Die Stadt bzw. den Stadtraum als Natur zu verkaufen, ist ganz offenbar derber Unsinn und bestenfalls ein bildlicher Fehltritt mit grünem Schimmer.

Lustig wird die Angelegenheit beim Versuch, Dinge im Stadtraum zu finden, die in dieser Lesart nicht als Fremdkörper erscheinen dürften. Häuser, Autos oder Fahrräder bevölkern die Stadt und sind so nie und nimmer Teil ihrer Ökosphäre. Anders der Uni-Riese als Zahn der Stadt? Oder das Völkerschlachtdenkmal als alte Warze? Vorschläge für Leipziger „Nichtfremdkörper“ sind willkommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.