Stör’ meine Kulturkreise nicht

Der Zwang des Kollektivs: Warum kulturelle Identität kein harmloser Teamgeist, sondern exklusives Konstrukt ist

Das Ich ist kein Gegenstand. Ludwig Wittgenstein[1]

sprachlos_kulturkreiseLeitkultur[2] und Integration, Kampf der Kulturen und Identitäre, Mehrheitsgesellschaft und Schicksalsgemeinschaft: Immer wieder ploppen in bundesdeutschen Debatten neue Begriffe auf oder werden längst begraben geglaubte Konzepte zu neuem untotem Leben erweckt – „das grundlegende Kulturverständnis jedoch verändert sich kaum. Ob nun die bereichernden Qualitäten der Multikultur gepriesen werden oder Konservative auf die deutsche ‚Leitkultur’ pochen, immer bleibt Johann Gottfried Herder der unsichtbare Pate des hiesigen Kulturdiskurses. Noch die avanciertesten postmodernen Konzeptionen von ‚Transkultur’ arbeiten sich an der hergebrachten Vorstellung ab, Kulturen seien unabhängige Gebilde mit festen Grenzen und gleich bleibendem Kern.“[3]

In reichlich pathetischer Prosa dreht sich das Identitätskarussell mit der 2012 in Frankreich aufgetauchten, selbst ernannten Identitären Bewegung in eine weitere Pirouette hinein. Von deutschen Aktivisten übernommen, machten sie bisher mit eher spärlichen Aktionen aber reichlich Pathos von sich reden: „Unsere Generation ist das Opfer der 68er […] Wir lehnen die Geschichtsbücher ab und wollen unsere Identität selbst wiederfinden. […] Wir sind die Bewegung, die auf unsere Identität, unser Erbe, unser Volk und unsere Heimat schaut und erhobenen Hauptes dem Sonnenaufgang entgegengeht!“ Ihre Forderungen sind ein Musterbeispiel für die Konstruktion kultureller Identität. Im Abwehrkampf einer „Selbstabschaffung“ Deutschlands und vermeintlich von einer internationalistischen und individuellen Perspektive bedroht, gibt diese Gruppe die Wacht am Rhein – und bedient rassistische Ressentiments. Pegida, alle ihre Ableger, Verzweigungen und Abspaltungen tun es den Identitären gleich und stoßen ins Horn der Neun Rechten. Unter ihrem Slogan „Wir sind das Volk“ oder „Volksverräter“-Rufen zeichnet sich ebenso wie in „Leitkultur“ die Vorstellung von kollektiver Identität ab. Was aber soll diese eigentlich sein?

 

Kollektiv-Identität: Heimat in unheimlicher Welt

In den 1980ern wurde die Rede von der kollektiven Identität massenhaft und sie füllte schließlich jene gemeinschaftsstiftende Lücke, die mit dem Ende des Kalten Krieges entstanden war. Als sich mit „Ostblock“ und „Westmächten“ noch zwei politische Großgegner gegenüberstanden, konnten sich Menschengruppen wie Staaten leicht in einem Raster verorten, davon Selbstlegitimation und Zughörigkeit ableiten. Das wurde mit dem Fall des Eisernen Vorhangs schwieriger. Zudem brachen weltweit verschiedene Konfliktlinien auf, die zuvor noch durch das Blocksystem gedeckelt wurden, oder einfach erst jetzt ins weltöffentliche Interesse rückten.

Immer dann, wenn eine „Krise der Identität“ angenommen wird, kocht das Konzept vom Identitätskollektiv hoch – sei es in der Staatenwelt oder innerhalb eines Landes. Im Festhalten des Einzelnen an einem größeren Rahmen, wird nie dezidiert deutlich, was Identität eigentlich sein soll. Das braucht es offensichtlich auch nicht, denn findet sich die Horde erst einmal unter ihrer Standarte zusammen, fühlt schon jeder, was Sache ist. In Europa verfolgen derzeit circa 30 Regionalparteien separatistische Bestrebungen, die sich alle um die Bewahrung ihrer kulturellen Identität bemühen. Auch im Jargon der Mitte, der derzeit wieder hochfrequenter und lauter zu hören ist, kommt die kollektive Identität zum Tragen.

Als positiv gesetzt und unhinterfragt behauptet, aber unbestimmbar, hat die kollektive Identität beste Chancen, weiterhin Dreh- und Angelpunkt öffentlicher Debatten und Scheingefechte zu sein. In seinem lesenswerten Buch zum Thema bringt Lutz Niethammer die Gemengelage aus realen Bedingungen und identitären Begehren auf folgenden Punkt: „daß es weder Europa noch dessen Nationen mehr in der hergebrachten Weise gibt, sondern daß sie […] durchsetzt sind von Inseln von Zuwanderern, die sich oft dem späteuropäischen Pragmatismus zugleich sozial ausgesetzt und kulturell überlegen fühlen. Der von ihnen und von Minderheiten in den Mehrheitsgesellschaften beanspruchte Multikulturalismus liegt im Widerstreit mit dem kulturellen Föderalismus der europäischen Nationalstaaten, die mit breiten Mehrheiten noch an Nationalkulturen festhalten, die zugleich immer mehr zur Fiktion werden. In diesem Strudel von staatlicher Souveränität, nationaler Selbstbestimmung, Menschenrechten und kultureller Selbstbestimmung wird kollektive Identität von jedweder Seite eingefordert, denn niemand will ausbuchstabieren, was das bedeutet und wer für die Kosten aufkommt. Meist werden im öffentlichen Diskurs sogar sorgenvoll Identitätskrisen […] auch für große und komplexe Kollektive ausgemacht, und es wird, zumindest im Subtext, streng ihre Überwindung, das Erwachsenwerden von Nationen und sogar die Rückkehr zu einer festen Identität, angemahnt. Als hätte es die je gegeben.“[4]

 

A rose is a rose is a rose

Identität ist ein Begriff aus der Logik und meint dort soviel wie Übereinstimmung, Wesensgleichheit, Kongruenz. Seit der Antike nun treibt diese Idee der Deckungsgleichheit die Philosophen um, denn was heißt das auf die reale Welt übertragen? Man kann vielleicht am ehesten noch von zwei Steinen behaupten, sie seien gleich, weil beide aus Granit sind und dasselbe Gewicht haben. Bei komplexeren Weseneinheiten wie zwei Hauskatzen oder den Nachbarn, ergibt das Feststellen von gegenseitiger Übereinstimmung schon keinen Sinn mehr.

Dem Soziologen Jürgen Habermas zufolge ist Identität „jene eigentümliche Fähigkeit sprach- und handlungsfähiger Subjekte, auch noch in tiefgreifenden Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur, mit denen sie auf widersprüchliche Situationen antworten, mit sich identisch zu bleiben“.[5] Das Wort „eigentümlich“ ist hier ein bezeichnender Hinweis, deutet es doch an: Erklären kann Habermas auch nicht, was er genau meint oder wie Identität denn nun funktioniert. Und doch hat sie sich als für das Subjekt festen Ort des Egos, als eine Art Ichbewusstsein nicht nur im Sprachgebrauch durchgesetzt. Was es heißen soll, wenn man sagt: „Ich bin mit mir selbst identisch“, bleibt dabei ebenso unbeantwortet wie die Frage, was es helfen würde, eine Antwort darauf zu kennen. „An Vorstellungen von Identität“, hat die Erziehungswissenschaftlerin Käthe Meyer-Drawe formuliert, „muß ein Wesen scheitern, das altert und das sterblich ist.“[6] So leer aber und unterbestimmt das Konzept ist, so erfolgreich ist es. Wie sich gleich bei der Kollektiv-Variante zeigen wird: Es sind die Leere und Floskelhaftigkeit, die Unterbestimmung und Unbestimmbarkeit, die zu Boom und Durchbruch des Identitätsprinzips in öffentlichen Diskursen und gerade auch der Politik verholfen haben.[7]

Aus der Bildungs- und Sozialisationstheorie stammend, wurde das Identitätsprinzip neben die personale Einheit alsbald auf Kollektivzugehörigkeiten wie die Nation oder Kultur erweitert. Mittlerweile ist es in unüberschaubar vielen Zusammensetzungen und Zusammenhängen gebräuchlich. Der Identitätsbegriff wird zu Surrogat und Substitut für die verlorengegangene Wesensbestimmung des Menschen und damit zur neuen Art der (Selbst‑)Legitimation, was gleichfalls für den Gebrauch von kollektiver Identität zutrifft: Sie ist Ersatz „für Gemeinschaft […]: für unsere angeblich ‚natürliche Heimat‘ also, jenen Kreis, in dem wir es stets warm haben, egal wie kalt draußen der Wind bläst. Diese Heimat ist in unserer immer schneller globalisierten, privatisierten und individualisierten Welt nicht zu haben“.[8]

Ist gerade Bildung eine Möglichkeit, auf solche Gemeinschaftssehnsucht mit Verzicht zu antworten, indem sie die Individuen zu selbstbewussten und orientierungsfähigen Menschen gedeihen lässt, die sich für ein Sicherheitsgefühl nicht an Autoritäten binden, so wird gegenwärtig gern von Erziehung und Bildungsinstitutionen verlangt, sie sollen Identität stiften. Viel klarer kann man das Identitätsprinzip als Imperativ zur Verinnerlichung eines von außen herangetragenen Anspruchs, als zwanghaft und unterwerfend, nicht formulieren. Dieses identifizierende, herrschaftsausübende Denken blendet das Andere oder besser: die Anderen als das Fremde nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern auch im Individuum selbst aus. „Die Bevorzugung der Eigentümlichkeit, später der Individualität und noch später der Identität […] trübte den Blick für die auch konstitutive Bedeutung des Fremden bis in unsere Zeit immer mehr.“[9] Diese Auffassung von der gelungenen Identität als wesentlichem Bildungsziel ist einer Perspektive der Harmonie- und Einheitsstiftung verhaftet, gegen die ein Bildungsbegriff zu retten ist, der das Wechselspiel von Selbst- und Fremdwahrnehmung und damit auch die Differenz betont.[10] Das Spannungsfeld von Identität und Differenz soll gerade nicht aufgehoben werden. In seiner Unabgeschlossenheit ist der Mensch stets auf ausschließende Möglichkeiten, ein Möglichsein, verwiesen und erfährt hierin, „daß sich das Selbst im darstellenden Zugriff verfehlt und daß es die Fremdheit seiner selbst in immer neuen Antworten aufnimmt, ohne ein letztes Bild zu erhalten.“[11] Es gibt keine starre Identitätsform, sondern viele Formen und lose Stränge, die sich im Diskurs über Identität niederschlagen, zu denen sich das Individuum mal ablehnend, mal akzeptierend verhält, die aber nicht fix in ihm verankert sind. Wir leben vielmehr in einer Vielfalt von Welt und Dingen, mit denen wir uns – zeitweilig – identifizieren können oder auch nicht, können verschiedene Rollen annehmen und uns in divergierenden Kontexten anders verhalten und bestimmen.

 

Kulturelle Konstanz

Analog zur personalen Identität ist auch die Bestimmung einer kollektiven ein Fischen im Trüben. Ein wesentlicher Beitrag zu ihrer Idee stammt noch vom NS-Staatsphilosophen Carl Schmitt, der auch ihre Gewaltförmigkeit akzeptierte. Dem Anschein nach harmlosere Wortgebräuche machten die kollektive Identität zur unhinterfragbaren Bezugsgröße einer Menschengruppe. Und die Deckungsgleichheit der Individuen wird oft über eine eben so schwammige Vokabel, die Kultur, erklärt.

Nationale Identitäten machen einen großen Teil dieser auf dem Papier vollzogenen kulturellen Bestimmung aus. Nationen sind „vorgestellte Gemeinschaften“, wie das Benedict Anderson in seiner gleichnamigen Studie nennt. Wie sich eine Gemeinschaft imaginiert, was sie als Gemeinsamkeiten deklariert, darin unterscheidet sie sich von anderen. „Wie verschieden ihre Mitglieder in Begriffen der Klasse, des Geschlechts oder der ‚Rasse‘ auch immer sein mögen, eine Nationalkultur versucht, sie unter einer kulturellen Identität zu vereinigen, um sie alle als Angehörige derselben großen Familie zu repräsentieren.“[12]

Trotz ihres Konstruktionscharakters gewinnt diese Identität eine Wirklichkeit, sie wird zu einer Gegebenheit, die so etwas wie eine verbindliche Handlungsanleitung gibt. So gewinnt die identitäre Bestimmung auch für den einzelnen eine Fatalität, Notwendigkeit und Alternativlosigkeit, die sein Verhalten bestimmt – als Vereinzelter muss er doch hinter das große Ganze kollektiver Wahrheit zurücktreten. Die wird als ein kollektives qua gemeinsamer geteilter Kultur erlebtes Selbst aufgefasst, „das hinter vielen anderen, oberflächlicheren oder künstlich auferlegten ‚Selbsten‘ verborgen ist, und das Menschen mit einer gemeinsamen Geschichte und Abstammung miteinander teilen.“ Die kulturelle Identität enthält „unsere kulturellen Erfahrungen und die gemeinsamen historischen Erfahrungen und gemeinsam genutzten kulturellen Codes, die uns als ‚einem Volk‘, unabhängig von den sich verändernden Spaltungen und Wechselfällen in unserer aktuellen Geschichte einen stabilen, gleichbleibenden und dauerhaften Referenz- und Handlungsrahmen zur Verfügung stellen.“[13]

Einmal mehr geht es also um die Homogenität, um gleiche Abstammung und Herkunft. Was nicht „identisch“ ist, liegt eben fern von der Norm. In dieser Grenzziehung zwischen einer Gemeinschaft der Gleichen und den Anderen, den sich draußen Befindenden, wird die bestimmende Differenz von innen und außen zur Abweichung vom Eigenen und dem Fremden aufgeladen. Im Annehmen des Kollektivs als identitätsbildend wird den anderen zugleich selbst eine kollektive Identität zugesprochen, die ihr Fremdsein ausmacht. Aus dieser – mindestens –doppelten Essentialisierung werden Menschengruppen als einander notwendigerweise fremd, wenn nicht feindselig, definiert. Diese passen mit ihren „Werte“-Systemen und Überzeugungen, eben ihrer Kultur, einfach nicht zusammen. Diese Wertedimension, die in der Debatte um eine deutsche Leitkultur im Zentrum stand, ist immer wieder der – selten konkretisierte – Bezugspunkt, geht es um die kulturelle Identität. Das sieht man noch, wenn sich Menschen im Rahmen einer Sprachpflege gegen das „undeutsche“ Englisch wenden, dessen globale Sprechergemeinschaft den Untergang des Abendlandes markiere.

Wie kulturelle Identität entsteht, soll kurz an anhand nationaler Bedeutungsproduktion skizziert werden. Das nationale Ego wird über große Erzählungen gestiftet: zum Kulturgut kanonisierte Literatur und Musik, vor allem die sogenannte Klassik, zum Idealtyp stilisierte Landschaften wie der deutsche Wald, Monumente wie das Brandenburger Tor, Rituale, Symbole, Feiertage. Es geht um eine Herstellung von Tradition und Ursprünglichkeit durch einen Gründungsmythos und einer Genealogie von weit in die Vergangenheit hineinreichenden Institutionen und Werten. Bis heute wird gern Tacitus’ Germania als Beschreibung deutscher Ahnen benutzt, gilt die Schlacht im Teutoburger Wald als „Geburtsstunde der Deutschen“. Egal, wie absurd es ist, von germanischen Stämmen angefangen irgendeine Kulturkontinuität ins Heute abzuleiten. „Es ist die Kultur selbst und nicht eine ererbte Ansammlung von Genen, die durch diese Ideologien als unveränderlich dargestellt wird: als ein einzigartiges Wesen, das unversehrt erhalten werden sollte, und als eine Realität, die durch kein Verfahren kulturellen Ursprungs wesentlich modifiziert werden kann.“[14] Man kann den Prägungen seiner Kultur nicht entrinnen, das ist die Botschaft. Waren es mal Blut, Gene oder andere biologische Faktoren, die über einen Menschen bestimmen sollten, so wird dieser nun über seine Kultur definiert. Diese entlässt ihn aber ebenso wenig wie ehedem die „Rasse“. Da, wo man herkommt, ist man derart „verwurzelt“, dass man sich von den lokalen Eigenheiten, Denkweisen, Einstellungen, Talenten nie mehr lösen kann. Laut dieser, auch Kulturalismus genannten, Position ist der Mensch korsettartig  verankert. Kulturelle Identität ist wie ein Brandzeichen, sie lässt sich nicht abstreifen. Auf diese Weise werden Menschen, die vielleicht nicht ursprünglich der Nachbar waren, zu Fremden mit angeborener Andersartigkeit. Sie brächten eine andere Kultur mit, die nicht zur heimischen/autochtonen passt.

Natürlich ist eine solche kulturelle Hegemonie nur eine Fiktion, für die alle Brüche im Eigenen „vergessen“, ausgeblendet und als einheitlich interpretiert werden. Den inneren wie äußeren Zwangs- und Ausschlusscharakter zu kritisieren, bedeutet nicht, zu leugnen, dass Menschen unterschiedliche Überzeugungen, Vorlieben etc. haben können, sondern die Ablehnung einer Überbetonung von unversöhnlichen Differenzen zwischen vermeintlich in Kulturen eingesperrten und zur Kommunikation unfähigen Menschen. Dass sich übrigens der oder die Einzelne selbst über Zugehörigkeitsgruppen definiert, ist nicht ungewöhnlich, aber das Individuum über das Kollektiv zu definieren, tut ihm Gewalt an.

„Die Stärkung lokaler Identitäten kann als heftige Verteidigungsreaktion der Mitglieder einer herrschenden ethnischen Gruppe angesehen werden, die sich durch die Präsenz anderer Kulturen angegriffen fühlen.“[15] Und es kann jederzeit explosiven Charakter annehmen, wenn sich die Parole „Wir sind das Volk!“ mit „Ausländer raus!“ mischt – was man angesichts von Pegida & Co. nicht mehr beweisen muss. „Insofern ist kollektiver Identität die Tendenz zum Fundamentalismus und zur Gewalt inhärent.“[16] Einen „Identitätswahn“ sieht Thomas Meyer beim Kulturalismus am Werk: Die „Grundlage ist zumeist eine kontrafaktische Konstruktion reiner kultureller Identität, die primär durch die aggressive Ausschließung des Anderen erzeugt wird, um reinigende Erklärungen, stärkende Gewissheiten, scheinbar widerspruchsfreie Identifikationschancen, greifbare Heilserwartungen und klare Fronten der Zuweisung von Schuld und Sünde zu schaffen.“[17]

 

Das kollektive Korsett verlassen

„Wenn wir aufhörten, unsere Geschichte, unsere Interessen, unsere Gegensätze und unsere Gewalt in emphatischen Identitätsformeln zu verbergen“, zieht Niethammer als Konsequenz aus seiner Studie zur kollektiven Identität, „könnte es uns vielleicht leichter fallen, nüchterner und politischer zu denken und uns mit anderen im Handeln zu verständigen.“[18] Gleichberechtigung im Umgang miteinander ist dafür eine Voraussetzung. Es erfordert gegenseitige Anerkennung und Achtung sowie die Gerechtigkeit hinsichtlich der Teilhabe am sozialen und politischen Leben. Die Zugehörigkeit zu einer „kulturell definierten kollektiven Lebensform“ darf eben nicht „zur Bedingung für die Garantie der politischen, liberalen, sozialen und kulturellen Menschenrechte des Einzelnen“ erhoben werden.[19] Kennzeichnen gerade die Individualisierungsschübe die Moderne, dann sollte man nicht in engmaschig-exklusive Vergemeinschaftungsformen zurückfallen. Ist der emanzipatorische Prozess unabschließbar, dann sollten wir weiterhin die individualistische Karte spielen. Ein auch kultureller Pluralismus, der nicht zur multikulturalistischen Schmetterlingssammlung aufgeblasen ist, könnte ein Rahmen sein für eine Politik der Anerkennung, in der es in erster Linie nicht um Kollektive, sondern Individuen und deren Entunterwerfung geht.

[1]            „Tagebücher 1914–16“, in: Ders.: Tractatus logico-philosophicus, Suhrkamp: Frankfurt/M. 1987, S. 87–187, 175.

[2]            Der ursprünglich von Bassam Tibi als analytisches Mittel eingeführte Begriff erlebte ab 2000 eine Veränderung und Politisierung zur deutschen Wertegemeinschaft.

[3]            Mark Terkessidis: „Nur meine Augen bleiben“, Die Zeit, 8.2.2001, www.zeit.de/2001/07/Nur_meine_Augen_bleiben.

[4]            Lutz Niethammer: Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur, Reinbek bei Hamburg 2000, S. 25.

[5]            1976: Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus: S. 93; zit. n. Heinrichs, 1999: „Identität und Geschlecht: Bildung als diskursive Praxis der Geschlechterformierung“; in: Behm, Britta L. & Heinrichs, Gesa & Tiedemann, Holger (Hg.) 1999: Das Geschlecht der Bildung – Die Bildung der Geschlechter; Opladen, S. 219–37, 221.

[6]            Käthe Meyer-Drawe, 2000: „Bildung und Identität“; in: Wolfgang Eßbach (Hg.): wir/ihr/sie – Identität und Alterität in Theorie und Methode; Würzburg: S. 139–50, 145.

[7]            Niethammer, Kollektive Identität, S. 37.

[8]            Zygmunt Baumann, 2001: Gemeinschaften; Frankfurt/M., 2009: S. 23.

[9]            Meyer-Drawe, „Bildung und Identität“, S. 140.

[10]            Zum angemessenen Bildungsbegriff siehe Tobias Prüwer: Humboldt reloaded. Kritische Bildungstheorie heute, Marburg 2009.

[11]            Meyer-Drawe, „Bildung und Identität“, S. 145.

[12]            Stuart Hall, Rassismus und kulturelle Identität, Berlin 1994, S. 205.

[13]            Hall, Rassismus und kulturelle Identität, S. 27.

[14]            Zygmunt Baumann: Postmoderne Ethik, Hamburg 2009, S. 351.

[15]            Hall, Rassismus und kulturelle Identität, S. 216.

[16]            Niethammer, Kollektive Identität, S. 625.

[17]            Thomas Meyer: Identitätspolitik. Vom Missbrauch kultureller Unterschiede, Frankfurt/M., S. 13.

[18]            Niethammer, Kollektive Identität, S. 628.

[19]            Meyer, Identitätspolitik, S. 34.

 

Foto: tp

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