WdbB: Faschismus

Der Faschismus gilt den Besorgten als ziemlich genau das, wovon sie sich abgrenzen: von Linksfaschisten auf der Straße, vom Merkel- oder EU-Faschismus. Aus Leipzig ist der Ausspruch eines Gida-Teilnehmers überliefert, dass »in einer Faschistenrepublik wie Deutschland alles erlaubt« sei. Grund: Die Polizei wollte eine Sitzblockade nicht unmittelbar räumen. Seit seinem bitteren KZ-Witz wähnt sich auch Akif Pirinçci, Lautsprecher nationalistischer Migranten, im »puren Faschismus«. Selbst die Abkürzung Antifa bedeute eigentlich »antideutsche Faschisten«, wie Ex-Legida-Frontmann Markus Johnke behauptete. Das Wort kommt, ähnlich wie Nazi, beharrlich als Fremdzuschreibung zum Einsatz − für alles Böse und Verdorbene, also für alle, die nicht besorgt mitflöten.

Diese beliebige Ausweitung oder Aushöhlung des Begriffs zeigt, wie schwierig es dieser Tage ist, in politischen Diskussionen Dinge auch nur halbwegs exakt zu bezeichnen. Gerade Faschismus, das vom italienischen fascio (Verein oder Bund) stammt, hatte einst vergleichsweise präzise Konturen. Im späten 19. beziehungsweise frühen 20. Jahrhundert entstand der Begriff im Umfeld von Benito Mussolini als expliziter Gegenentwurf zur überkommenen Parteipolitik. Die historische Diskussion ist freilich vielstimmig. Dennoch lassen sich einige Eckdaten des Faschismus fixieren: Ein Führerkult gehört unstrittig dazu, genauso wie Paramilitarismus, also der Umstand, dass quasimilitärische Gruppen die Ordnung robust durchsetzen. Und ein Totalitätsanspruch des Staates, der jeder Heterogenität den Garaus macht. Mit Demokratie und Meinungsfreiheit ist es nicht weit her, dafür braucht es eine Politik des Spektakels, der großen Inszenierungen (Stichwort Leni Riefenstahl). Der ideologische Kitt wird schließlich von einer mythologisch-nationalen Ersatzreligion geliefert, die sich weltlich gibt, aber tatsächlich einen gelebten Glaubenszusammenhang bietet. Der deutsche Nationalsozialismus zählt üblicherweise dazu, wobei die heftigen Ausschläge von Antisemitismus und Rassismus einige Historiker veranlassen, von einem Radikalfaschismus zu reden.

Wer schließlich den Versuch unternimmt, im besorgten Assoziationsgeflecht Strukturen zwischen den Wutattacken erkennen zu wollen, sieht einige faschistische Konturen durchblitzen: eine von rassistischen Ausschlüssen getragene Diktatur der Weißen und der Ruf nach einer starken nationalen Hand, weil demokratische Aushandlungsprozesse als lästiges und unproduktives Beiwerk gesehen werden. Nicht zuletzt kehrt eine völkisch-deutsche Mythologie zurück, die gerade im atheistischen Osten ihre ersatzreligiöse Rolle spielt.

Weil aber Faschismus im politischen Gedächtnis auf der Seite der Bösen verwurzelt ist und der besorgte Glaubenszusammenhang auf die Worthülsen Volk, Demokratie und Freiheit baut, muss er Kritikern und Gegnern eigen sein. Dass der Faschismusvorwurf etwa an der EU abperlt, weil er derbe unsachlich ist, fällt den Besorgten nicht auf. Gleichzeitig untergräbt diese Wortwahl jede Möglichkeit, eine europäische Oligarchie oder Expertokratie zu kritisieren. Der wutschnaubende Faschismusvorwurf in beinahe alle Richtungen verhindert jede halbwegs sachliche Lagebeschreibung. Gleichzeitig hilft diese Projektion, den eigenen faschistischen Kern erfolgreich zu verdrängen.

[rf]

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