Wer lügt, klärt auf: Professor Norbert Bolz und das Schweigekartell

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Links Bolz und rechts Hahne

Das Geraune der alten Männer lässt nicht nach. Bereits Ende April 2017 hatte Norbert Bolz, arrivierter Medien- und Kommunikationstheoretiker von der TU Berlin, an einer Talkrunde bei Phönix teilgenommen und von einer Medienverschwörung schwadroniert. Er nimmt das Wort freilich nicht in den Mund, glaubt aber fest daran, die Medien würden – kollektiv und bisweilen auf Anweisung – zur Ausländerkriminalität schweigen. Am Ende versteigt sich Bolz sogar dazu, Falsches für Aufklärung zu halten. Die allgemeine Paranoia hat den nächsten Wissenschaftler erreicht.

„Medien zwischen Gefühl und Fakten. Wie viel Wahrheit vertragen wir?“ heißt die Sendung; moderiert vom wachsweichen Peter Hahne, der seine Sympathien für den reaktionären Bolz kaum zurückhalten kann. Schon der Titel der Sendung ist eine Farce, als könne man Wahrheit aufs Gramm bemessen und als bedeute zu viel davon des Menschen schmerzliches Ende.  Ob die Leute den Medien zu Recht nicht mehr glaubten, steigt Hahne in die Debatte ein. Da sei schon etwas dran, darf der Hochschullehrer Bolz bestätigend nicken. Lügenpresse allerdings sei ein unangemessener Begriff, distanziert er sich halbherzig vom Schreihals auf der Straße. Eine Verschwörung der Medien sieht er dennoch, weil sie kollektiv verschweigen und nicht berichten, was die Ausländer hier so alles anrichten würden. Von seinem Gegenüber, Uwe-Karsten Heye,  Regierungssprecher von Gerhard Schröder, nach einem Beispiel gefragt, wird Bolz nachgerade seriös: „Ja, ja, ich hab auch mal eine Diskussion mitgekriegt, schon vor Jahren, da ging es noch um den Kosovo.“ Der WDR hatte damals eine Redaktionsdebatte öffentlich gemacht, weil man sich uneins war, welche Information wie gesendet werden solle. Amtlicher Beleg, Herr Bolz. Nach aktuellen Fällen vom systematischen Verschweigen durch „die Medien“ gefragt, hat er nur eine alte Geschichte aus den 90ern zu bieten? Und dazu noch eine, die seine These nicht stützt, weil über die interne Debatte öffentlich (und dazu noch im Öffentlich-Rechtlichen) berichtet wurde. Wie dürftig seine Quellenbasis ist, bemerkt Bolz selbst und räumt ein, der Vorgang sei schon okay gewesen. Allein der Umstand, über solche Dinge intern reden zu müssen, sei schon schlimm genug.

Als weiterer Beleg für die angeblichen systematischen Vertuschungsversuche der Presse muss eine Aussage von Thomas De Maizière herhalten. Dieser hatte bekanntlich nach dem abgesagten Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden 2016 nebulös in die Mikros gefaselt, dass die Details zum Vorfall Teile der Bevölkerung nur verunsichern würden. Dass also ein Politiker schräges Zeug erzählt, ist Nachweis für Verfehlungen der Presse. Weiter Beispiele hat Bolz die ganzen 30 Minuten über nicht anzubieten.

Obwohl Bolz nichts und niemanden für sich aussagen lassen kann, kennt er dennoch die Gründe für das Schweigekartell: Man habe Angst, Ausländerfeindlichkeit zu schüren und verschweige daher beständig alles, was die bösen Fremden hier so anrichten. Bolz liegt gleich doppelt falsch. Für seine bemerkenswerte Deutung muss er einerseits die vielen Nachrichten über angebliche und wirkliche Ausländerkriminalität ignorieren, die täglich die Schlagzeilen schmücken. Eine beachtliche Verdrängungsleistung. Andererseits ist es ein völlig richtiges Anliegen, Menschengruppen nicht blindlings dem Hass auszusetzen, indem man sie kollektiv für schuldig erklärt. Und genau das würde passieren, wenn nicht Kriminalität, sondern gezielt und exklusiv Ausländerkriminalität thematisiert werden würde. Aus diesem Grund gibt es, wie Bolz als Medienexperte wissen dürfte, den journalistischen Codex, der besagt, dass die Herkunft von Tatverdächtigen nur im Fall eines begründeten Sachzusammenhangs genannt wird. Sie ist schlicht kein entscheidendes Kriterium, weil die Herkunft allein noch niemanden zum Bösewicht hat werden lassen. Das sieht Bolz offenbar anders und glänzt mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Bolz argumentiert also ernsthaft, dass deutsche Bürger von den Medien für „unmündig“ erklärt würden, weil ihnen die übliche Hetze erspart bleibe, die sie täglich lesen können – sofern sie dies wollen. Der Selbstwiderspruch, den der Moderator Hahne nicht im Ansatz erahnt, ist atemberaubend: Da redet ein Professor im Fernsehen (also einem Medium) offen über Themen, die von den Medien angeblich systematisch totgeschwiegen werden.

Dann kommt Köln zur Sprache, und die beiden Spielpartner Hahne und Bolz fahren richtig hoch. Der Moderator stimmt Selbstkritik an und Bolz packt den Superlativ, genau genommen den Supersuperlativ aus: Das sei der mediale „Super-Gau“ gewesen, also der supergrößte anzunehmende Unfall, und erst seither habe der aggressive Spruch „Lügenpresse“ das Volk erfasst. Bolz hat offenbar ein ganzes Jahr verschlafen. Heye wirft zwar berechtigt ein, dass im Polizeibericht am 1. Januar 2016 nichts Dramatisches stand und die Pressevertreter möglicherweise die Füße stillhielten, weil (bekanntlich bis heute) nicht sonderlich gut ersichtlich ist, was vorgefallen war. Diese Verzögerung reicht Bolz dennoch, ein Schweigekartell bei der Arbeit zu beobachten. Und selbst der Umstand, dass drei bis vier Tage nach den Ereignissen Fokus, Welt oder Bild kein anderes Thema als die Herkunft der Kölner Täter und die für gescheitert erklärte Willkommenskultur mehr kannten, lässt den Wissenschaftler nicht zweifeln.

Und weil das alles noch nicht absurd genug ist, ergeht sich Bolz in Spekulationen über „innere Zensur“, die bei Journalisten und selbst an den Unis virulent und „viel gefährlicher“ sei als Direktiven von außen. Anders formuliert: Weil Bolz nichts Konkretes findet, kein belastbares Beispiel liefern kann und die Medienlandschaft keinen Mangel an Debatten zur Kriminalität Nichtdeutscher leidet, wird ein politisch korrekter Homunkulus imaginiert. Auffällige Paradoxie: Gerade in der Phase, in der die pauschalen Verurteilungen ganzer Menschengruppen an allen Ecken und Enden das Klima vergiften, reden alte Herren wie Bolz darüber, dass genau das systematisch verschwiegen oder von der inneren Zensur unterdrückt wird. Wer nur laut genug Zensur behauptet, kann sich selbst zum heroischen Verkünder der Wahrheit erklären. Das ist so AfD- oder Pegida-mäßig, dass die Distanzierungen vom Populismus, die Hahne und Bolz gelegentlich einstreuen, bestenfalls als hohles Gerede durchgehen können.

„Politische Korrektheit“, sagt der Wissenschaftler Bolz schließlich, sei „das Gegenteil von Aufklärung“. Das ist beachtlicher Unsinn aus einem akademischen Mund. Korrekt heißt bekanntlich richtig, ohne Fehler. Wer also richtig liegt, verdunkelt und wer politisch Falsches erzählt, klärt auf? Bleibt zu hoffen, dass Bolz seinen Studierenden nicht mit ähnlich demagogischem Zeug in der Vorlesung kommt. Sein Realitätsverlust ist jedenfalls heftig – genauso übrigens wie seine Naivität, Meinung und Information trennscharf zu unterscheiden, als lägen Informationen einfach herum und müssten nur aufgesammelt und über die Medien verteilt werden. Das ist Medientheorie auf Niveau der Teletubbies.

  1. Guten Abend,

    ich empfehle bei Interesse einmal das Duell zwischen Herr Wofssohn und Herrn Schönenborn gestern bei Maischberger in der Mediathek zu schauen.
    Es war sehr entlarvend, wie Herr Wolfsohn den WDR Chef auseinandernahm, bis er fast nur noch stammelte.

    Kernthese: die hohen Qualitätsstandards, die der WDR angeblich anlegt, gibt es seltsamerweise nicht bei „antiisraelischen“ Dokumentation.
    Zweierlei Maß ist da noch milde formuliert. Gerade hier ist offensichtlich, dass Political Correctness verhindern sollte, dass arabischer Antisemitismus gebrandmarkt wird. Es wehte schon ein hauch von „es kann nicht sein, was nicht sein darf“ durch das Studio.

    MfG
    Hans K.

    1. Hallo,
      auf Maischberger hab ich wirklich keine Lust, ernsthaft. Und wieder, Herr K., formulieren Sie selbst die Gegenthese: Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird über die Qualitätsstandarts und über eine Ausstrahlung einer Doku diskutiert. Eine Doku übrigens, die Sie haben sehen dürfen. Nochmal zur Erinnerung: Zensur hieße, den Leuten Dinge komplett vorzuenthalten. Eine öffentliche Debatte über eine Redaktionsentscheidung ist so ziemlich genau das Gegenteil. Medienkritik gibt es schon ziemlich lange, auch sogenannten Westen; und es gibt viel zu kritisieren, was in der Wissenschaft ausführlich getan wurde und wird. Aber dieses Plumpe Gerede von Schweigekartell und Meinungsdiktatur – zumal aus einer wissenden Position heraus – ist beachtlich unterkomplex.
      Grüße
      rf

  2. Sehr geehrter Herr Feustl,

    mit Verlaub müssen wir natürlich konstatieren, dass auch bestenfalls unglückliche Ereignisse wie die von dem WDR „zensierte“ Antisemitismusdokumentation den allgemeinen Verdruss fördert. Insofern kann der Eindruck entstehen Unliebsames würde ausgeblendet und politisch Korrektes dagegen gestellt.

    Sie sehen das doch sehr polemisch, wenn ich das mal so äußern darf. Da bedarf es doch ein wenig mehr des genaueren Hinsehens.

    Herzliche Grüße,
    Hans K.

    1. Hallo,
      sehe ich anders. Zensiert wurde nicht, sondern aus handwerklichen Gründen nicht gesendet. Und dass die Medien insgesamt nicht von Zensur befallen sind wie so oft angenommen, zeigt gerade dieses Beispiel: Ein Sender will eine Reportage nicht bringen und es wird ein medialer Skandal daraus. Die Reportage läuft und und wird an vielen Stellen unterschiedlich diskutiert. Zensur ist doch etwas ziemlich dolle anderes. Das sollte auch Herr Bolz wissen.
      Grüße
      rf

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