Es patzelt. Von „kulturkonservativen Xenophoben“ und „empörten Gutwilligen“

patzeltEndlich ist es soweit, ein neuer Teil der Studienserie der Technischen Universität in Dresden zu Pegida ist erschienen. Die vierte Befragungswelle unter dem Politikwissenschaftler Werner Patzelt, die im Januar die Einstellungen, Vorstellungen und soziographischen Merkmale der Demonstranten von Pegida, den sogenannten Pegidianern abfragte, wurde am 25. Februar 2016 vorgestellt. Von FAZ bis Tagesspiegel griffen die Medienhäuser diese Präsentation und die zugehörige Presseerklärung auf und titelten zum Beispiel: Pegida hat sich spürbar radikalisiert (Tagesspiegel) oder Wer für Pegida marschiert, wählt offenbar auch AfD (FAZ).

Hat man diese Überschriften erst einmal verdaut und sich der Studie zugewandt, erfährt man, dass es allerdings keinen Rechtsruck innerhalb der „Bewegung“ im Vergleich zu 2015 gegeben habe. Der Anteil von Rechtsradikalen liege konstant bei 19% und davon seien wiederum 5% Rechtsextremisten. Das geht doch wirklich, oder?

Hier wird es nun interessant. In der Präsentation steht wortwörtlich, es gebe keinen „Rechtsruck seit dem Frühsommer 2015 – trotz des Eintreffens schlimmer Befürchtungen von Pegidianern: Masseneinwanderung, Anschläge, großer Finanzbedarf, enttäuschte arbeitsmarktpolitische Hoffnungen, zerreißender gesellschaftlicher Zusammenhalt …“ und auch „keine Zunahme der Akzeptanz der Präsenz von Rechtsradikalen bei den Demonstrationen“.

Zwei Folien vorher aber las man, „die Selbstverständlichkeit“ habe „zugenommen, sich klar xenophob und islamophob zu geben“. Und es „hat sich ein Denk- und Empfindungszusammenhang herausgebildet, von dem aus sich bruchlos auf rechtsradikale Positionen gelangen lässt, falls man sein Denken und Reden nicht diszipliniert“. Auch sei „die Kritik an der politisch-medialen Klasse rüder, die Darstellung von Geflüchteten und Muslimen recht grob geworden“, und es seien „bisweilen nicht nur Grenzen des Anstands, sondern vielleicht auch strafrechtliche Grenzen überschritten“ worden. Zudem habe sich „unter nicht wenigen Kundgebungsteilnehmern eine raue, ja aggressive Stimmung gegenüber echt oder vermeintlich Andersdenkenden entwickelt“.

Das mag auf den ersten Blick verwirrend klingen, ergibt aber Sinn, schaut man sich einmal die Gruppen an, die Patzelts Studie unter den Pegidianern ausmacht. Diese heißen zum Beispiel „besorgte Gutwillige“, „empörte Gutwillige“ oder „xenophobe Patrioten“.

Im Januar 2016 wurden also 19% der Pegidianer als Rechtsradikale eingestuft. Und der Rest? Nun, weitere 19% benennt die Studie als „islamophobe Zuwanderungsgegner“ und 31% als „kulturkonservative Xenophobe“. Der Rest, also 8 bzw. 24% seien „bundesdeutscher Mainstream“ respektive „gutwillige Zuwanderungskritiker“.

Rot markiert steht über diesen ganzen Zahlen: „Wegen der Stichprobenverzerrung werden die Anteile interpretativ zu korrigieren sein!“

Stichprobenverzerrung? Genau, da war ja was: Insgesamt wurden in den vier „Befragungswellen“ 1.343 Demonstranten interviewt. Jetzt im Januar waren es 386,die dieses Interview mitmachten. Diese Zahl wiederum steht für eine sogenannte Ausschöpfungsquote von 37%, also allein im Januar wurden 1.052 Personen angesprochen, 666 Demonstranten wollten demnach keine Fragen beantworten.

Diese 666 Verweigerer waren insbesondere junge und augenscheinlich besonders rechte Demonstranten, so steht es auch in der Studie. Und nun wird es etwas haarig. Im Feldbericht der Studie, bei Umfragen so etwas wie die Zusammenfassung aller Metadaten, finden sich dazu weitere Details.

Im Januar waren 51 Studierende der TU Dresden bei Pegida für Befragungen unterwegs. Hinsichtlich der Ansprache heißt es nun im Feldbericht:

„23% der Interviewer gaben an, bewusst einzelne Teilnehmer nicht angesprochen zu haben. Weitere 20% gaben an, dass sie zumindest bei einigen potentiellen Zielpersonen einen Kontakt unterlassen haben.“

Im Abschnitt „Erhebungssituation“ wird es nun noch detaillierter: Zwei Drittel der Interviewer gab an, beleidigt worden zu sein, 10% dass ihnen Gewalt angedroht wurde, 22% seien physisch angegangen worden und mehrere Interviewer berichteten, dass Kontakt- und Interviewversuche von Dritten sabotiert wurden. Daraus wird unter anderem gefolgert:

„Aufgrund der Übergriffe ist zu überlegen, ob auf studentische Interviewer künftig verzichtet werden muss. Alternativ kann bei der Schulung intensiver auf diese Herausforderungen eingegangen werden, indem sie in Rollenspielen problematisiert werden.“

Und überhaupt:

„Aus den zuvor genannten Gründen ist ersichtlich, dass die vorliegenden Daten nur sehr bedingt als repräsentativ angesehen werden können, da die ,Hartgesottenen‘ nicht für ein Interview zu gewinnen waren.“

Man könnte also das Fazit auch so formulieren: Fast die Hälfte der Interviewer (43%) hat bewusst oder unbewusst einzelne Teilnehmer nicht angesprochen. Von den 1.052 im Januar 2016 angesprochenen Personen antworteten 386, also 37%. Diese 37% sind weder der harte Kern von Pegida noch die „Hartgesottenen“, sondern eher die Gemäßigten. Von diesen Gemäßigten bei Pegida sind 19% rechtsradikal, 19% „islamophobe Zuwanderungsgegner“ und 31% „kulturkonservative Xenophobe“.

Und das geht doch wirklich, oder?

 

Foto: Peter Albert

  1. Patzelt hat ja offensichtlich noch nicht mal begriffen, dass eine sozial/finanzielle „Mitte der Gesellschaft“ nicht unbedingt deckungsgleich mit politischer Mitte ist. Überhaupt sollte man diesen nebulösen Begriff aus dem politischen Sprachgebrauch lieber streichen!

  2. Mich wundert, wie offen Patzelt das macht in den veröffentlichten Texten und Daten. Okay, die meisten Medien gehen auch kaum auf mehr als die PM ein.
    Die Präsentation (S. 32) zeigt ganz gut, wie die Rekategorisierung seit Januar 2015 ablief.
    Nur ist jetzt die PM nochmal ein Stück weiter gedreht: ‚Kritiker‘, ‚Xenophobe‘ und ‚Gegner‘ der Zuwanderung sind da plötzlich alle ‚Kritiker‘ geworden.
    Und vgl. auch die ‚These‘ „Afd = Pegida“ (S. 19), die Patzelt für die Presse selber zur Aussage transformiert und dabei zweimal Anführungszeichen weglässt.

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