WdbB: Frühsexualisierung

Die Differenzen zwischen besorgtem Wunschbild und Wirk­lichkeit sind groß. Das trifft nicht zuletzt auf die Vorstellungen vom richtigen und frommen Privatleben zu. Während der feuchte Traum besorgter Bürger und Eltern (besorgte-eltern.net) jener einer monogamen Ehe mit drei Kindern ist, sieht die Lebenswirklichkeit um einiges komplizierter aus − auch jene der Besorgten selbst. Als 2015 die rot-grüne Landesregierung in Baden-Württemberg einen neuen Bildungsplan vorzustellen gedachte, der vorsah, »Schülerinnen und Schülern (…) die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von/mit LSBTTI-Menschen« näherzubringen, schlugen die Wellen hoch. Das konservativ-reaktionäre (und teils das christliche) Lager sah sich einer Wiederkehr der 68er-Promiskuität ausgesetzt und versammelte sich hinter der Kampfvokabel »Frühsexualisierung«.

Seither dient dieser Begriff als Container für unterschiedliche Einwände und Ressentiments. Ihr Schnittpunkt ist die Wut auf die moderne Gesellschaft, die schrittweise daran arbeitet, überkommene Devianzmuster sexueller Art abzubauen. Wer allerdings Sexualität nur im ehelichen Schlafzimmer mit Handtuch darunter, Fahne drüber und mit Zeugungsabsicht akzeptiert, alles andere aber für widernatürlich, anormal und unmoralisch hält, der hat sicher keinen Akzeptanzraum für die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen. So geschieht es dann, dass der Versuch, etwa Homosexualität zu enttabuisieren, recht unvermittelt mit Pädophilie in einen Topf geworfen wird. Mit dem kleinen Wörtchen »früh« werden ohne Umschweife alle Aufklärungs- und Gleichstellungsgedanken mit Kindesmissbrauch assoziiert. Vereinfachen ist eine große, gefährliche Kraft.

Dass sich in diesem Themenfeld, ähnlich wie bei Gummimuschi oder Ficki-Ficki-Fachkräften Projektionen Bahn brechen, ist ziemlich offensichtlich. Weil das moralisch-reaktionäre Korsett bestimmte Lüste unterdrückt, geilt man sich am Hass auf andere auf. Hinzu kommt die Doppelmoral der Debatte: Auch die besorgte Lebenswelt ist Patchwork, schwul, promiskuitiv und sicher häufig genug pornografisch. Während Besorgte einerseits die vergesellschaftete Sexualität oder die sexualisierte Gesellschaft mitsamt ihrer aufdringlichen Kulturindustrie unangetastet lassen (und vermutlich ausgiebig genießen), beschuldigen sie alle anderen der direkten oder indirekten Pädophilie. Kindern die Vielheit von Lebensentwürfen nahezubringen, gilt als degeneriert und abartig, während die besorgte Familie Fackju Göthe schaut. Und weil die Projektionen der eigenen Lust Nahrung brauchen, wurden unzählige Überzeichnungen und Falschdarstellungen in die Welt gesetzt − etwa jene, dass Kinder bereits in der Grundschule Sexspielzeug ausprobieren. Die Sublimation der Lust in Form von Hass.

[rf]

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