Identitäre: Ein Abo auf historische Unkorrektheit

flamberg1Sie wollen die Intellektuellen der sogenannten Neuen Rechten sein, die genau genommen so neu nicht sind. Jung, hip, klug, als solches inszenieren sich die Identitären und nennen ihren kleinen Haufen gleich eine ganze Bewegung. Wichtig ist ihnen Tradition und so, weshalb sie gern geschichtliche Bezüge herstellen. Dabei zeigen sie mitunter eklatante Lücken in ihrer historischen Bildung. 

So bezieht sich ihre Forderung nach Reconquista, als einer „Wiedereroberung Europas“, auf eben jene Reconquista genannte Phase der spanischen Geschichte. Dass sie mit bloßer Projektion arbeiten, haben wir an anderer Stelle aufgeschrieben. Auch mit ihrer Referenz an Sparta liegen sie ziemlich schief – während die Identitären nach einer Grenzsicherung rufen, verzichteten die Spartaner komplett auf eine Stadtstaatenmauer. Jüngst griffen die Identitären in Halle ins Klo historischer Unkorrektheit.

Die dort ansässige Gruppe namens Kontrakultur hat ihrem Hausprojekt in der Adam-Kuckhoff-Straße nun den Namen Flamberg gegeben. Ihre Begründung ist gleich aus mehreren Gründen hanebüchen, mal ganz davon abgesehen, dass es eine Halbstarkenpose ist, ein Gebäude nach einer Waffe zu nennen.flam2

„Als Flamberg oder Flamberge bezeichnet man ein mittelalterliches Schwert, das beidhändig geführt wurde“, behaupten die Hallenser. Das ist nur halbrichtig und unterbestimmt. Ein Flamberg ist erst einmal nichts anderes als ein großes Schlachtschwert, das in der Frühen Neuzeit (16./17. Jahrhundert) eingesetzt wurde. Mittelalterlich ist daran nur, dass es eine Weiterentwicklung des mittelalterlichen Zweihänders ist. Der Name Flamberg leitet sich von der gezackten, flammenartig aussehenden Klinge her, die ein Schlachtschwert zum Spezialtyp Flamberg macht.

Putziger aber ist der nächste Satz der Identitärenprosa: „Umgangssprachlich ‚Gassenhauer‘ genannt, diente es den Soldaten der ersten Reihe (hier liegt der militärische Ursprung des Begriffs ‚Avantgarde‘ ), um Schneisen in die Reihen der Gegner zu schlagen, durch die die eigenen Truppen dann nachrücken konnten.“ [Fehler im Original] Der Name Gassenhauer ist eine Erfindung späterer Jahrhunderte. Die Idee, „Schneisen in die Reihen der Gegner zu schlagen“, ist schräg. Dahinter steckt wohl der verbreitete Mythos, man hätte mit dem Schwert Gassen in die Piken-Phalanx hauen können. Aber auch für diese Vorstellung gibt es keinen Beleg. Darüber hinaus: Avantgarde meint nicht die erste Reihe, sondern die Vorhut (avant = vor).

Dass die Identitären aus diesem historischem Unsinn eine historische Aufgabe ableiten, versteht sich von selbst: „Metaphorisch besprochen will das identitäre Zentrum in Halle (Saale) genau das sein: ein Anfang, ein erstes Stück zurückeroberter Raum.“ Das rechte Ein-Prozent-Netzwerk lobt das Haus als „metapolitischen Gassenhauer“ und kann richtiger nicht liegen: Die Identitären singen einmal mehr das triviale Lied – das versteht der Duden unter einem Gassenhauer – von damals und dem besseren Gestern.

  1. Sehr geehrter Herr/ lieber Rainer,

    danke für Ihren Kommentar. Die Reihenfolge von Kritik/Politik ist sicherlich Geschmackssache. Da das hier aber ein dezidiert politischer Blog ist, sehe ich das Primat der Politik als legitim an. Wer auf intellektuell macht, sollte dann eben nicht auf Wiki zurückgreifen, das ist ja Grund meiner Kritik. Dass die falsche Zuordnung als Gassenhauer/eine Schneise schlagen oft vorkommt, schützt ja nicht vor Kritik. Und der Rest der Fehler – mittelalterliches Schwert, Avantarde … – ist allein auf dem IB-Mist gewachsen. Da ist auch Wiki korrekt.

    Beste Grüße, tp

  2. Ich will die IB eigentlich nicht in Schutz nehmen, aber hier liest es sich so, dass es eine besondere Schuld sei. Obwohl Torsten selbst im Video meinte, dass dies sogar in Museen zu finden sei und er sehr regelmäßig Fragen dazu bekäme. Es ist also ein Fehler der vielen unterläuft und es gibt massig falsche Literatur dazu. Torstens Kommentar fand ich besser, erst Sachkritik, dann Politik.

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