WdbB: Schuldkult

9. November 2015, Dresden: Zum Jahrestag der Reichspogromnacht forderte Pegida den Schluss­strich. »Lasst uns mit eurem Schuldkult für die Vergangenheit, für die keiner von uns hier die Verantwortung trägt, endlich in Ruhe!«, schallte es von der Bühne. Der Termin ist makaber, die Wortverwendung entlarvend. Schuldkult wird von der extremen Rechten seit Langem als »psychotisches Krankheitsbild« (so der verstorbene Nazi Jürgen Rieger) attestiert. Er funktioniert wie die Nazikeule als doppelte Unterstellung: Man schiebt den anderen etwas unter, um es ihnen dann vorwerfen zu können.
Die Fixierung auf den Holocaust, so der Tenor, führt zum Selbsthass der Deutschen, die millionenteure Umerziehungsprogramme bereitwillig über sich ergehen lassen. Die teutonische Autoaggression habe bei der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrags 1919 und der deutschen Alleinschuld am Ersten Weltkrieg begonnen. Nach 1945 wirke der Schuldkult noch intensiver, lasse keine objektive Geschichtsauseinandersetzung zu. Dabei reden die Besorgten doch nur vom NS, um nicht mehr von ihm sprechen zu müssen und führen allein angebliche alliierte Kriegsverbrechen an. Schlussstrichdebatten sind von konservativer Seite immer schon
geführt worden. Man müsse zu einer »Normalität« zurückkehren. Jetzt aber scheint der Schuldkult wirklich salonfähig, soll der industrielle Massenmord der Nationalsozialisten nichts Singuläres mehr sein, sondern ein historisches Ereignis unter vielen. Die einschlägige Vokabel »Nationalmasochismus« verwendete der spätere AfD-, dann LKR-­Politiker Hans-Olaf Henkel in einer Kolumne. Mit dem Stichwort Schuldkult taggte im Sommer 2016 der Dresdner CDU-Politiker Maximilian Krah, er wechselte 2017 zur AfD, seinen Blogbeitrag Warum Fakten stören  − Beobachtungen in der Zuwanderungsdebatte. Der Blick auf die deutsche Geschichte müsse größer gefasst werden, soll identitätsstiftend und gemeinschaftsbildend sein, fordert etwa die AfD. Mit »Otto − ich grüße dich!« erklärte deren thüringischer Landesvorsitzender Björn Höcke, der Kaiser habe bei der Schlacht auf dem Lechfeld vorbildhaft die Invasion aus dem Osten aufgehalten  − mit Kämpfern »aus allen deutschen Stämmen«: »Ich will, dass Magdeburg und Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit haben,
(…) Ich will, dass sie auch eine tausendjährige Zukunft haben!«

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