WdbB: Abschiebeverhinderungsindustrie

aschiebeverhinderungsindustrieMan muss Rainer Wendt Respekt zollen. Kaum jemand sonst hatte sich derart festgebissen im deutschen Talkshowgeschäft. Woche für Woche polterte der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPoIG) gegen die aufgeklärte Welt und redete ihren Untergang herbei. Nur die ganz harte Hand könne noch helfen. Dabei gelang es Wendt, als Gesicht der ganzen Polizei aufzutreten, obwohl seine durchaus umstrittene Gewerkschaft mit 94.000 Mitgliedern deutlich kleiner ist als die Konkurrenz, die Gewerkschaft der Polizei.

In einem seiner rhetorisch sonst nicht ungeschickten Redeanfälle prägte er einen Begriff, den Besorgte dankbar aufnahmen: »Es gibt eine regelrechte Industrie für Abschiebeverhinderung«, schwadronierte er gewohnt bitterlich. Gemeint ist die tatsächlich recht seltene Praxis, eine Abschiebung etwa am Wohnort der Betroffenen zu verhindern, indem sich Menschen der Polizei in den Weg setzen. Diese müsste sich erst durch eine Gruppe hindurchprügeln, um die Abschiebung einleiten zu können, was unverhältnismäßig wäre.

Wendts Gefühlskälte ob der häufigen Differenz zwischen Recht und Gerechtigkeit − etwa wenn gut integrierte Menschen aufgrund absurder Gesetze in ein Land abgeschoben werden sollen, das sie gar nicht kennen − verwundert nicht. Das Maß der verbalen Eskalation dagegen schon. Klassischerweise bezeichnet Industrie eine Art des Wirtschaftens mit einem hohen Grad der Automatisierung: Maschinen, Fließbänder und Serienproduktion, womöglich am besten bebildert durch die dreckigen Fabrikhallen des 19. Jahrhunderts. Es braucht schon viel üble Vorstellungskraft, den Schutz einzelner Menschen durch schlichte Anwesenheit von Aktivisten mit einem solchen Begriff in Verbindung zu bringen. Das einzige Mal, dass an anderer Stelle das Wort Industrie in Bezug auf Menschen als Objekt (und nicht als Arbeiter) zur Geltung kam, war jener des »industriellen Massenmords« an Juden und Roma in Auschwitz und anderswo. Bleibt die Hoffnung, dass sich Wendt dieser Überblendung nicht bewusst ist und vorrangig seine Gier nach Aufmerksamkeit einen solchen Fehlgriff begründet. Zweifel daran allerdings sind angebracht.

[rf]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.