Speisekartenbashing. Wie ist dein Vietnamesisch?

spezialNicht erst seit Facebook und Co amüsieren sich Leute, die ein bisschen was für Sprache im engeren Sinn übrig haben, gern über die Fehler anderer. Dabei reicht das Spektrum von konservativen Sprachbewahrern (Verein deutsche Sprache), über Duden-Affine („Ich war schon immer gut in Deutsch!“), bis zu denen, die einfach Spaß daran haben, anhand der Fehlerquote in Rechtschreibung und Grammatik auf den IQ des Autors zu schließen.
Zumindest letzteres ist in vielen Fällen nicht abwegig. Die mangelnde Kompetenz betrifft dabei allerdings nicht die Fähigkeit, sich mit Kommaregeln, Groß- und Kleinschreibung oder Bindestrichen auszukennen. Stattdessen ist das Zeichen für unzureichende Intelligenz, dass hier der Textproduzent nicht darauf achtet, was er da vom Stapel lässt. Wer keine Ahnung von Rechtschreibung und Zeichensetzung hat, ist nicht zwangsläufig dumm. Dumm ist, wer nicht bemerkt, dass er sich mit unsauberen Texten zum Ei macht. So werden schräge Fehler auf Tafeln in Supermärkten, auf bedruckten Schildern am Straßenrand oder in Form überdimensionierter Leuchtreklame heiter gesammelt – auf sprachkritischen Blogs und satirischen Internetseiten. Die Kommentare unter den zugehörigen Posts zeugen häufig von einem Unterton, der sagen will: „Ha, ich hab es verstanden! Ich bin schlau und mache mich mit euch gemeinsam über die Idioten lustig, die das verzapft haben.“

Zu den Texten in der Welt da draußen gesellen sich wiederum Äußerungen im Netz, zusammengeschraubt von Leuten, die sich ironiefrei in ihrem menschenverachtenden und fremdenfeindlichen Auftreten ergehen und gleichzeitig „erst ma Rischtigs deutsch von de Auslender“ verlangen. Solchen Aussagen kann man – wenn überhaupt – nur mit viel Sarkasmus begegnen, mit der geschwungenen Sprachkeule gegen besorgte Bürger und Nazis gleichermaßen.

Aber wie ist es denn nun mit denen, die aus ganz anderen Gründen Fehler machen? Nicht etwa, weil sie in der Schule gebummelt hätten oder blöde Ignoranten sind, denen Fehler immer nur bei anderen auffallen. Blogs und Facebook-Seiten sammeln eben auch gern und mit einem breiten Grinsen der Seitenadmins Bilder von Speisekarten, Etiketten zu Inhaltsstoffen oder handgeschriebenen Werbetafeln in Restaurants und Läden, die von Leuten aus aller Welt betrieben werden. Die „chinesische Imbissbude an der Ecke“, die wieder Ungenießbares mit Cola anbietet oder der „Vietnamese in der Stadt“, der komische tiefgefrorene Sachen mit sechs Beinen verkauft. So weit, so viel Kritik an Klischees im Allgemeinen. Selbst die Textebene jedoch, die man vielleicht strafmildernd ausklammern möchte, verbreitet genau das: fremdenfeindliche Klischees, die „uns“ von „denen“ abgrenzen – unter dem Deckmantel des sprachbewussten Humors. Dabei sind es manchmal leider nicht nur die spießigen Korinthenkacker oder altbackenen Sprachbewahrer mit ihrer Angst vor zu viel Fremdworteinfluss. Es sind auch jene Kritiker mit Aufklärungswillen.

Aushänge und Zettel, die „gebratene Oberschiene“ statt „Aubergine“ schreiben oder „Kaiser-Schnitt-Brötchen“ anpreisen, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit aus deutschsprachiger Feder. Und genau davon unterscheiden sich die Menüs in „asiatischen“ Restaurants etwa: Die Autoren schrauben mit Wörterbuch und Google Translator häppchenweise Texte zusammen, die naturgemäß sehr fehleranfällig sind. Ihre Erstsprache (gemeinhin auch Muttersprache genannt) ist eben nicht Deutsch, sondern Thai, Farsi, Persisch, Khmer, Laotisch, Tamil, Kurdisch. In vielen Regionen der Welt ist es zudem üblich, dass Menschen zwei oder drei Sprachen sprechen – und zusätzlich Englisch lernen. Und in Deutschland? Gerade in Ecken, in denen die meisten kaum ein Bier in einer anderen als ihrer Erstsprache bestellen können (und wollen), bleibt Restaurant- oder Imbissbudenbetreibern nicht viel mehr übrig, als ihre Speisekarten ins Deutsche zu übersetzen. Noch bevor das witzige Foto von dem albernen chinesischen Gericht das nächste Mal bei Facebook für Lacher sorgen soll, ist die Überlegung angebracht, wie die Stimmung wäre, wenn einem der eigene fehlgeschlagene Übersetzungsversuch um die Ohren gehauen wird. Von Leuten übrigens, die es ganz selbstverständlich und ohne viel Aufwand besser könnten. Wenn wir trotz all der Fehler im Menü beim nächsten Mal problemlos die „Ente süßsauer“ bestellen und der Kellner die richtige Speise serviert, sollten wir uns vielleicht fragen: Wie gut ist eigentlich mein Vietnamesisch?

[ng], Foto via Facebook (Direktlink)

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