WdbB: Flüchtlingswelle

bild_fluechtlingswelleFließ- und Wassermetaphern sagen viel aus über jene, die sie verwenden, aber nichts über das, was als wellenbewegt beschrieben wird. Das Verdrängte schwappt über. Ob Gida-Gegendemos als losgelassene Wellen der Gewalt deklariert oder einzudämmende Flüchtlingsströme herbeigeredet werden: Solche Beschreibungen transportieren Be­unruhigendes, weil sie mit tief verwurzelten Bedrohungsbildern operieren. Ströme, Fluten, Wellen stehen für irgendetwas gesichtslos in Masse Auftretendes. Angelehnt an Naturkatastrophen wird suggeriert, es passiere Ungeheuerliches, dem man am bestem mit dem Äußersten begegnet.

Klaus Theweleit weist in Männerphantasien, seiner Studie über die seelischen Grundlagen des Faschismus, darauf hin, wie speziell die Wasser- und Fließmetaphern Vorstellungen von Bedrohung wie Entmenschlichung prägten: »Die Niederlage Deutschlands im Krieg und die revolutionäre Veränderung der Verhältnisse in und um Deutsch- land unter dem Bild der Flut aufzufassen, scheint also möglich zu werden durch die Vorstellung von äußeren Einbrüchen und inneren Dammbrüchen, als deren Folge freigesetzte Triebe, die ihr von der wilhelminischen Gesellschaft vorgeschriebenes, erzwungenes Bett verlassen, frei fließend über die Ufer treten.«

Alles Mögliche kann da fließen und fluten, es muss nur irgendeine Grenze verletzen, überschreiten: »Landesgrenzen, Körpergrenzen, Grenzen des Anstands, der Gewohnheit; diese Grenzen müssen Verbotenes betreffen.« Also Tabus bedeuten. Kurzum: Es ist das Andere, das Weibliche, das das männliche Subjekt  − das ist ja die kollektive Sprecherposition des »Wir« − bedroht. Gerade das Weibliche wurde in der europäischen Kultur immer wieder mit der Wassermetaphorik als das Andere bedacht; ein Hinweis auf die dem Meer entsteigende Venus soll genügen.

In den Bildern der Ströme und Fluten kommt das eigene Unbewusste als Gefahr gewendet zum Vorschein, das man plötzlich im Anderen erblickt. Das verdrängte Libidinöse, der Frau archetypisch zugeschrieben, glotzt einen plötzlich aus sich selbst heraus an. Da braucht es Abwehrmechanismen, muss man  − auch hier bleiben die Besorgten im gleichen Wasser-Bild  − als Schleusenwärter den Schleusern das Handwerk legen, Dämme errichten (s Mauer), Wellenbrecher oder Fels
in der Brandung sein und alarmieren: »Das Boot ist voll!«

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