WdbB: Lügenpresse

Bild_LuegenpresseSeit es so etwas wie Presse gibt, zirkuliert das Schlagwort. Genau genommen ist Lügenpresse eine Art Abwandlung älterer Schmähungen, die sich unter anderem Katholiken und Protestanten in Bezug auf Glaubensstreitigkeiten gegenseitig zuwarfen: Die dazu passenden Druckerzeugnisse hießen Lügenblatt oder Lügenschrift. Als Mitte des 19. Jahrhunderts eine vergleichsweise unabhängige und plurale Presse entstand, verbanden sich die beiden Nomen Lüge und Presse. Das neue Kompositum wurde vor allem von einer konservativ-katholischen Elite als pauschale Attacke gegen alle bürgerlichen Neuerungen in Stellung gebracht. Seither flammt der aggressive Einwurf Lügenpresse immer wieder auf. Im Ersten Weltkrieg kam er schon zur Anwendung, um Enthüllungen über deutsche Kriegsverbrechen zu entkräften. Und selbstredend war Lügenpresse auch ein propagandistisches Mittel der Nationalsozialisten. Gerade vor der Machtergreifung stach die liberale Presse als derber Dorn im Auge der völkischen Bewegung. Alfred Rosenberg etwa, einer der NSDAP-Chefideologen, sprach bereits 1921 von der »organisierten Lügenpresse der Regierungsparteien«.

Auffällige Parallelen. Gut möglich, dass einige Hardliner unter den Besorgten eine Wiederholung der Geschichte vermuten. Die Referenz jedenfalls ist deutlich: Die Parole »Lügenpresse«, in stoischer Regelmäßigkeit bei besorgten Anlässen intoniert, hat wenig mit 89 und viel mit der NSDAP zu tun. In Kombination mit dem unübersehbar völkischen Charakter werden die vermeintlichen Analogien zu 1989 als Feigenblatt für den aggressiven nationalistischen Kern sichtbar.

Dabei ist Lügenpresse, alternativ auch Lücken- oder Lynchpresse, einfältig und doppelbödig. Die Pauschalität des Wortes unterbindet eigentlich jeden positiven oder zustimmenden Bezug zu irgendeinem Druckerzeugnis − was besorgte Bürger allerdings nicht daran hindert, wann immer es ins Ressentiment passt, aus FAZ, Welt oder Bild, also aus den Altmedien zu zitieren. Lügenpresse verunmöglicht jede halbwegs sachliche, doch so nötige Medienkritik und öffnet der Beliebigkeit Tür und Tor. Mit diesem schizophrenen Schlachtruf im Rücken lässt sich jede liebsame Behauptung halten und jede unliebsame einer Manipulationsmaschine unterstellen. Es nimmt daher nicht Wunder, dass mit dem jüngst verstorbenen Udo Ulfkotte ein ehemaliger FAZ-Redakteur und späterer Prediger der Verschwörungsapokalypse mit Gekaufte Journalisten die Bibel dieses Glaubenszusammenhangs veröffentlichte.

[rf]

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