Das Ding mit den Scheuklappen

scheuklappen
Foto: Baden de, Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Man solle endlich die Scheuklappen ablegen, heißt es dieser Tage gern – besonders wenn wahrheitsliebende und daher besorgte Bürger auf vermeintlich verbohrte Gutmenschen treffen. Letztere seinen ideologisiert und würden nur sehen, was ihnen buchstäblich geradewegs vorgesetzt wird. Wer so argumentiert, lässt tief in die populistische Seele blicken. Die Rhetorik von den Scheuklappen, welche die anderen tragen würden, suggeriert fast unbegrenzte Weitsicht auf der einen und die Notwendigkeit zur Domestizierung auf der anderen Seite.

„Einfach mal Scheuklappen ablegen … würde Ihnen guttun“, kommentiert Frieder unter einem Beitrag hier auf dem Blog. Grund für seinen Einwand ist ein Artikel aus der Jungen Freiheit, der für Frieder eindeutig nachweist, dass Linke Faschisten sind: „LINKS = Totalitär = Gewaltanwendung gegen Andersdenkende = Faschistisch (natürlich im Namen des ,Guten‘ – wie halt bei allen Faschisten)“, heißt es weiter im Post. Die Beweisführung ist zwar atemberaubend unterkomplex, wird aber mit dem dringlichen Aufruf,  den Horizont zu erweitern, restlos geadelt. Der angebliche Nachweis ist, so muss man den Hinweis verstehen, Folge eines überlegenen Wissens und damit – jenseits aller Debatten und Deutungsfragen – unzweifelhaft wahr und richtig.

Scheuklappen, die auch Blendklappen oder Scheuleder genannt werden, sind für Pferde, deren weit auseinanderstehende Augen so etwas wie einen Panoramablick ermöglichen. Damit die Tiere allerdings möglichst exakt tun, was Menschen ihnen befehlen und sich nicht von optischen Reizen abseits des Weges aus dem Tritt bringen lassen, werden die Klappen angelegt. „Die Scheuklappen ermöglichen [außerdem] beim mehrspännigen Fahren eine gezielte Peitschenhilfe auf ein Pferd, ohne dass die nicht betroffenen Pferde die Peitsche sehen und ggf. darauf reagieren“, erklärt Wikipedia. Als Metapher für Menschen bedeutet sie also zweierlei: Einerseits müssten jene, die sie angeblich tragen, endlich ihren Horizont erweitern, um nicht endlos auf den – von wem auch immer – vorgefertigten Wegen weiterzutraben. Um beim Beispiel zu bleiben: Wer Linksfaschismus als Begriff und Beschreibung ablehnt, sei Opfer einer Ideologie, die das Blickfeld einschränkt und selbst Peitschenhiebe ausblendet. Andererseits sind die Träger der Scheuklappen eigentlich wilde Tiere, die erst unterworfen werden müssen. Wenn Frieder also fordert, wir sollten unsere künstliche Sehbehinderung ablegen, müsste er damit rechnen, dass wir amtlich durchgehen.

Wer also verlangt, die anderen mögen die Scheuklappen ablegen, unterstellt Wildheit und Engstirnigkeit. Gleichzeitig überhöht man die eigene Position als um- und weitsichtig. Wer so poltert, ahnt vermutlich schon, dass die eigene Argumentation kraftlos oder wenigstens nicht überzeugend sein dürfte. Wer dagegen schlüssig argumentiert, hat keine Not, auf das angeblich eingeschränkte Sichtfeld der anderen zu verweisen. Ziemlich offensichtlich kaschieren die Scheuklappen vor allem den Umstand, dass jene Posts, die sich dieses Bildes bedienen, oft herablassend behaupten.

 

  1. Nun, zwei Beispiel, die hervorstechen:

    1.) Die „Schutzsuchendenkrise“: fragt sich bei den Linken, die ja „offene Grenzen“ fordern den eigentlich niemand, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn Hundertausende junge Männer der Alterskohorte 15 – 30 Jahre kommen? Männer, deren Bildungsniveau meist gering ist, ihre (mittelaterlichen) Wert- und Ehrvorstellungen dafür aber umso ausgeprägter sind. Mal darüber nachgedacht, was das für Gewalt und Kriminalität bedeutet? Ich möchte mich jetzt gar nicht dazu auslassen, aber alleine meine Fragestellung würde wohl als „rassistisch“ gebrandmarkt – natürlich ohne jemals über die Fragestellung, den Kern, nachzudenken. „Rassismusvorwürfe“ als Diskursersatz – Usus bei den Linksliberalen.

    2.) Gender Pay Gap – Könnte es sein das die 7% Unterschied auf Unterschieden zwischen Mann und Frau beruhen? Beispiel aus der Praxis. Ein Personaler hat mir folgendes erzählt:

    Ein Bewerber sagt in 80 % der Fälle: ich brauch 50 000 €/Jahr, sonst wirds nix mit uns

    Eine Bewerberin sagt in 80 %: also, so um die 40 000 € SOLLTEN es schon sein, natürlich kann es am Anfang weniger sein…

    Frauen (und das ist kein Loblied auf uns Männer) sind in der Regel harmoniebedürftiger und verhalten sich anders. Ist ein Fakt.

    Bei den Linken wäre ich jetzt wohl ein Sexist und Rassist, weil es gibt ja keine Unterschiede…
    So wird eine offenen Diskussion verunmöglicht. Ideologie statt der Realität ins Auge zu sehen.

    1. Schöne Beispiele, die dein Ressentiment belegen. Frieder, das Problem liegt ganz woanders: Deine vermeintliche Kenntnis von dem, was du Realität nennst. Anders formuliert: Du maßt dir so ganz nebenbei an, genau zu wissen, wer flieht, was das für Menschen sind und warum sie ALLE gefährlich sind. Du kennst niemanden aus dieser Gruppe (und selbst wenn bestenfalls eine Hand voll) und weißt dennoch genau, dass sie ALLE „Gewalt und Kriminalität“ ins Land bringen. Woher Leute wie du diese Urteilskraft, dieses unfassbar anmaßende Selbstverständnis nehmen, über so viele Menschen in Windeseile urteilen zu können, ist mir ein Rätsel. Und ja, genau das, genau diese Leichtigkeit im Urteil über Menschen aus anderen Ländern ist Rassismus. Ein sachlicher Blick, den du ja einforderst, verbittet sich solche pauschalen Urteile über Menschen aus anderen Ländern, weil dieses Urteil gerade nicht sachlich ist. Es ist müßig, solche didaktischen Mittel auffahren zu müssen, aber wohl nicht so recht vermeidbar: Niemand würde alle blonden Menschen direkt und umstandslos mit „Gewalt und Kriminalität“ in Verbindung bringen, nur weil doch immer wieder blonde Menschen straffällig werden. Die Verallgemeinerung, Frieder, ist dein Rassismus. Der „Realität ins Auge zu sehen“ würde heißen zu begreifen, dass es in der Gruppe der Geflüchteten Arschlöcher gibt, genauso wie es unter den Einheimischen Arschlöcher gibt. Soziale Ausgrenzung und die permanente Unsicherheit verschärfen hier und dort die Lage womöglich. Aber deine pauschale Abwertung hat nichts, gar nichts, mit Realität zu tun.
      Kurz zum zweiten Beispiel: Nein, das ist nicht sexistisch, würde ich sagen. Dein Beispiel liefert einen Verdacht bzw. einen Erklärungszusammenhang in Bezug auf einen bestimmten Bereich beruflicher Praxis. Und auch hier gilt für meine Begriffe: Aus der Aussage eines Personalers stabiles Weltwissen über Sexismus im Allgemeinen abzuleiten, ist ein logischer Fehlschluss. Mehr nicht.
      Deinen „Kern der Dinge“, den die AfD angeblich begriffen hat, bist du, wie nicht anders zu erwarten, schuldig geblieben. Dämmert es langsam? Es gibt den einen Kern nicht, Frieder. Die Welt ist groß und kompliziert. Du wirst die Dinge nicht auf einen Feind, ein Problem oder die dumme Linke einschmelzen können.

  2. https://www.neues-deutschland.de/artikel/1060269.der-merkelismus-und-die-linke.html

    Hervorragender Text, der zum Thema passt! Warum? Weil er zeigt welch fatale Folgen für die Politik das Vermeiden von Konktretisierungen zugunsten „semantischer Wortglaubereien“ ist. Linke (im Zerfall begriffene) Deutungshoheit ohne Substanz ist alles, konkrete Ausgestaltung nichts. Hohler Pathos statt Realität. Daher wird auch die AfD so gefürchtet: sie spricht den Kern der Dinge an, ohne sich um die von der linken Meinungspolizei aufgestellten Regeln (im Wesentlichen zu reduzieren auf: – sage niemals wie die Welt IST, sondern immer wie wir sie uns WÜNSCHEN) zu kümmern.

    Zitat: Ein häufiger linker Instinkt besteht dann darin, sich auf den eigenen Oppositionsstatus zurückzuziehen, um sich dem Problem nicht mit ganzer Konsequenz stellen zu müssen. Es beginnt auf kommunaler Ebene, wenn linke Fraktionen in Gemeinderäten und Kreistagen sich um eine kohärente Position zum Haushalt drücken und sich damit beruhigen, auf sie komme es wegen andersfarbiger Mehrheiten sowieso nicht an. Es setzt sich fort, wenn Landtagswahlprogramme geschrieben werden, die in erheblichem Umfang Befugnisse und Aufgaben eines Landtags verfehlen. Und es endet nicht damit, wenn DIE LINKE auf Bundesebene glaubt, die Politik der pazifistisch-weißen Weste durch Verbote von Rüstungsexporten sowie die dogmatische Absage an Militäreinsätze seien schon ein hinreichender Beitrag, um die »aus den Fugen geratene Welt« zu befrieden.

    1. Ach Frieder, dann sag uns doch, was der „Kern der Dinge“ ist! Wenn ihn sogar die AfD begriffen hat, wird dir das doch leicht fallen, oder? Und mehr als einen Satz solltest du dafür nicht brauchen. Ich könnte oder müsste jetzt kontern mit dem gleichen Argument: Deine Reduktion der Welt auf eine Zeile („links = gegen Andersdenkende“ usw.) beschreibt noch nicht einmal eine Hülle und geht mit Begriffen so sorglos um, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung nicht möglich ist. Und ja, Butler schreibt nicht schön und ich trage nicht alles mit, was aus dieser Richtung kommt. Aber nur weil Du, Frieder, einiges davon nicht verstehst, muss es kein „Bullshit“ sein. Die Mengenlehre oder Heisenberg verstehe ich auch nicht so recht, würde mir aber nicht anmaßen zu wissen, dass es deshalb alles Bullshit ist. Das „wahre Unrecht“, schreibt Adorno, sitzt „eigentlich immer genau an der Stelle, an der man sich selber blind ins Rechte und das andere ins Unrecht setzt“.

  3. Scheuklappen wird also mit „unterkomplex“ gekontert – „fair enough“ würde der Brite sagen. Dein Text ist aber insofern bemerkenswert, als das er die ganze Systematik linksliberaler Deutungshoheit abbildet – und damit das eigentliche Elend in disem Land beispielhaft manifestiert. Ich halte es mit Marc Anton, der schrieb „was ist der Kern der Dinge?“. Dem gegenüber steht die linke Unart, (wohlformulierte) semantische Schichten zu legen,um diese entscheidende Fragestellung gar nicht erst beantworten zu müssen. Es ist durchaus faszinierend, wie es Dir gelingt, in mehreren Absätzen meine „unterkomplexe Psyche“ zu analysieren, ohne ein einziges Wort über die eigentliche Sache zu verlieren. Also eine Analyse der „Verpackung“, aber nicht der These „links = Gewalt gegen Andersdenkende“ als eigentlicher Kern. Frei nach dem Motte: rege ich mich über die vermeintlich „unterkomplexe“ Form auf, brauche ich die These gar nicht erst diskutieren.

    Dazu ist es schon fast schon ämüsant, wenn jemand, dessen Texte von moralisierender Überlegenheit nur so triefen, mir eine Ebensolche vorwirft. Selbstbild/Eigenbild wäre hier schon mal überprüfenswert.

    Herrliches Beispiel zu dem Thema: http://www.zeit.de/2017/33/gender-studies-judith-butler-emma-rassismus

    Auch wenn ich mal die ganze Schwarzer-Story inhaltlich ausblende: wer je einmal einen Text von der hochgefeierten Judith Butler versucht hat zu lesen, weiß das außer absurden „bullshit“ (man verzeihe mir den Ausdruck, aber es ist der einzige, der passt) nicht, aber auch gar nichts an Konkretem bei dieser Frau zu finden ist. Insofern beide Daumen hoch für Alice Schwarzers Kritik, die inhaltlich auf so viele „linke Vordenker“ zutrifft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.