Der Nationalismus kann nicht gewinnen

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Als sei die Gesellschaft ein Organismus…

Das nationale Fieber steigt dieser Tage. Mit einer immer drastischeren, unverblümten Sprache bricht sich ein volksdeutsches Denken Bahn und schwappt vom rechten Rand ins konservativ-bürgerliche Lager. Nachdem Pegida und die AfD die Schleusen geöffnet haben, schiebt sich nun vielerorts eine reaktionäre und nationalistische Denke in den Vordergrund. Gewinnen allerdings – was immer das meint – kann die aus dem 19. Jahrhundert stammende falsche Verknüpfung von bios und nomos nicht. Die Frage ist nur, wie sehr es eskaliert.

Heinz Olaf Henkel sprach davon, er habe – gemeinsam mit Bernd Lucke – ein „Monster erschaffen“. Das war zu jener Zeit, als offen reaktionäre, nationalistische und rassistische Tendenzen die Meinungsführung in der AfD übernommen hatten. Die deregulierte neoliberale Alternative zum deregulierten Neoliberalismus hatte eine völkische Kontur bekommen; befeuert von einer fremdenfeindlichen Grundstimmung, in deren Fahrwasser sich beinahe alle Parteien einer ausgrenzenden, aggressiven Rhetorik schuldig machten.

Seither ist ein Tabubruch nach dem anderen zu beobachten – mit der immer gleichen Stoßrichtung: Blut- und Boden-Metaphern werden in der politischen Debatte platziert, selbst wenn sie vom vermeintlich gerade noch bürgerlichen Flügel in der AfD schleunigst zurückgerufen werden.

Seit einigen Monaten ist nichts mehr heilig. Kein Standard einer aufgeklärten Welt scheint mehr Geltung beanspruchen zu dürfen; die Uhren schnellten, jedenfalls was die politische Kultur betrifft, auf Null zurück. Auf Null heißt dabei: Zurück ins 19. Jahrhundert. Während die Neue Rechte es wenigstens für nötig erachtete, ihre Ausgrenzungslogik auf kulturalistische Füße zu stellen und einen entsprechenden Kulturrassismus zu predigen, drängt nun eine völkische Tonlage in den Vordergrund, die den politischen Körper der Gesellschaft – nomos – unumwunden mit einem imaginierten natürlichen Körper – bios – zur Deckung bringen will. Der Denkfehler besteht darin, den nomos der Gesellschaft (also Gesetz, Brauch, Übereinkunft und Struktur) mit dem organischen Bild eines Körpers zu vermengen. Am Ende steht das Zerrbild einer Gesellschaft, die nicht nur ähnlich wie ein Organismus sei, sondern tatsächlich nichts anderes. Von diesem Punkt aus lassen sich äußere und innere Feinde imaginieren (andere Körper und Schädlinge). Der letzte Versuch dieser Art endete am 8. Mai 1945.

Belegstellen dafür, dass die AfD – und mit ihr die sogenannten „besorgten Bürger“ und Pegida – ihre bessere oder richtige Gesellschaft mit einem biologischen Volkskörper verknüpft, der für sich und ohne „Schädlinge“ bleiben müsse, gibt es reichlich. Alexander Gaulands Einlassungen zu Jerome Boateng als ungeliebten Nachbarn funktionieren nur mithilfe einer rassischen Differenzierung und dem damit verbundenen substantiellen Ausschluss aller Nichtweißen. Als Frauke Petry, die so gern die Schweiz als Vorbild zitiert, darauf angesprochen wurde, dass doch gerade die Alpenrepublik mit 25 % Ausländern schwerlich nur als Blaupause herhalten könnte, bediente sich sich des gleichen Argumentationsmusters: Sie zweifelte die Zahl mit dem Verweis an, dass da auch die deutschen Immigranten mitgezählt wurden. Auch diese Sequenz verdeutlicht, dass Petry den Unterschied zwischen Artgenosse bzw. Inländer und Ausländer über Hautfarben vornehmen muss. Die Deutschen in der Schweiz sind jedenfalls weder hier noch dort Ausländer. Ihr Freund Marcus Prezell legte dann die sozialdarwinistischen Karten auf den Tisch. Er diffamierte Wolfgang Schäuble (über den tatsächlich viel zu schimpfen wäre) als Produkt „europäischer Inzucht“ und schlug vor, bessere Kreuzungsmöglichkeiten auszuloten. Herzlich willkommen im Theater des biologistischen Wahns.

Kern der Sache ist schließlich, dass die deutsche Gesellschaft und das deutsche Volk nur zu retten sei, wenn wieder auf ihre Reinheit geachtet und die inneren und äußeren Feinde nicht nur als politische, sondern auch als biologische Bedrohungen verstanden werden. Volksschädlinge, Umvolkung, Aussterben usw. sind dann rhetorische Variationen eines Reinheitsgedankens, von dem schon die Nazis beseelt waren.

Nicht zufällig spricht man im Kontext des Nationalsozialismus vom Rassenwahn, also davon, einer phantasierten Reinheit der Rasse nachzujagen, die letztlich suizidale Züge angenommen hat: Statt strategisch halbwegs vernünftigen Einsichten zu folgen, wurde „verballert“, was noch da war, bis zu Kindersoldaten. Die Logik dahinter ist so krass wie simpel: Lieber sterben wir alle, als dass wir die dauernde Unreinheit (des Blutes oder der Nation) erleiden müssen. Die heutige Wiederkehr des Völkischen fährt prinzipiell auf der gleichen Schiene. Es handelt sich nur um eine Frage der Dimension oder Eskalation. Dahinter wirkt der gleiche Mechanismus, der an den Rändern des Sozialen auftauchende Menschen (Juden, Muslime, Flüchtlinge) als Projektionsfläche nutzt. Diese „Gestalten“ setzen indirekt die „gesamte Energie des Begehrens ‫‚ganz zu sein“ frei (Philipp Sarasin). Mit ihrem Ausschluss lässt sich der immerwährende Mangel einer selbstidentischen, nationalen Identität scheinbar überdecken.

Auf eine phantasmatische Weise erzeugt die Exklusion des Fremden eine Vorstellung von Ganzheit und Einheit, die allerdings – ganz in der Logik des Phantasmas – nie zu sich oder zur Ruhe kommt. Der Ausschluss des Juden aus dem deutschen Volkskörper trieb mit der Zeit bekanntlich immer absurdere Blüten, weil sich die Reinheit nie herstellen lässt. Der zuerst vom Österreicher und Bürgermeister Wiens Karl Lueger und später wohl auch von Hermann Göring benutze Ausspruch „Wer Jude ist, bestimme ich“ zeigt den Mechanismus deutlich. Die Realität des zum Fremden, zum Feind Gestempelten ist völlig irrelevant. In Wirklichkeit ist es nie der externe Feind, also der Flüchtling, der Menschen oder Gesellschaften daran hindert, ihre „Selbstidentität“ zu erreichen. Jene Identität ist immer schon in sich gebrochen und unvollständig. Der „Feind“, schreibt der slowenische Philosoph Slavoij Žižek, „ist einfach das kleine Stück, der Rest an Realität, auf den wir diese intrinsische, immanente Unmöglichkeit projizieren oder extermalisieren“.

Gerade die vorgestellte Gemeinschaft „Nation“ drängt immer wieder zur Installation diverser Feinde, innen und außen, weil das Nationalstaatsdenken aus einer irreduziblen Heterogenität die Homogenität eines angeblich natürlichen Volkskörpers formen wollte (das betrifft vor allem die deutsche Spielart). Ein solches Denken muss sich zum Wahn auswachsen, weil es eine ethnische, sprachliche und selbstverständlich auch biologische Vielheit in einem biologischen Körper des Volks abbilden will. Der Versuch, alles Fremde auszukehren, findet also kein Ende, weil das vermeintlich Eigene immer schon divers, anders, verschoben oder eben fremd war. Die unerbittliche Konsequenz der Nazis zeigt diese Logik deutlich: Die Deutschen hätten den Zweiten Weltkrieg nie gewinnen können, weil sich die Rassenreinheit und die Selbstidentität nie hätte herstellen lassen.

Das ist schließlich eine gute und eine schlechte Nachricht: Die neue reaktionäre und rassistische Bewegung kann nicht gewinnen, weil ihre Ideologie auf einem Phantasma aufbaut, dass sie einholen wird. Die Frage ist nur, bis zu welchem Maß es eskaliert.

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