Die perfide Welle

sprachlos welleFlüchtlingsströme oder gar -fluten, Wellen der Empörung und Gewalt: Fließ- und Wassermetaphern sagen viel über uns, aber nichts über Flüchtlinge und anderes aus, das wir als wellenbewegt beschreiben. Das Verdrängte schwappt über. Ob Gegendemonstrationen etwa bei Gida-Aufläufen als losgelassene Wellen der Gewalt deklariert oder Ströme von Flüchtlingen herbeigeredet werden, die sich nur durch Zäune wenn nicht aufhalten, dann wenigstens eindämmen ließen: Solche Beschreibungen transportieren Beunruhigendes, das weit über das Faktische hinausgeht, weil sie mit tief verwurzelten Bildern der Bedrohung operieren. Ströme, Fluten, Wellen stehen zunächst für irgendetwas Anonymes, das kein Gesicht hat und in Masse auftritt. Dadurch erzeugen sie schon drohende Gefahr. Angelehnt an Naturkatastrophen wird auch suggeriert, hier passiere Ungeheuerliches, „Nicht-Normales“, dem man am bestem mit dem Äußersten begegnet.

Dem Metaphernspezialist Hans Blumenberg zufolge ist der romantisch ausgemalte dahinmäandernde Fluss, der große Strom, zunächst Ausdruck des ruhigen Lebens. Störungsfrei schippert man in sicheren Fahrwassern dahin. Diese Vorstellung bildet eine idyllische Lebenswelt ab und blendet Ängste aus. Es geht seinen Gang, läuft, alles fließt. Das Andere und Fremde, das, was Angst macht, bricht aber nun seinerseits als übermächtiges Fluidum in die eigene Welt ein. Und man will da natürlich nicht mitschwimmen, sondern fest entgegenstehen, ihm trotzen und es eindämmen.

Klaus Theweleit weist in „Männerphantasien“, seiner Studie über die seelischen Grundlagen des Faschismus, darauf hin, wie speziell die Wasser- und Fließmetapher in der von ihm untersuchten Freikorpsliteratur Vorstellungen von Bedrohung wie Entmenschlichung prägten. So zitiert er eine zeitgenössische Beschreibung über den Ersten Weltkrieg: „Die ganz Welt ergoss sich über Deutschland, Amerikaner und Neuseeländer, Australier und Engländer, Portugiesen und Franzosen. Am bittersten war, daß die Franzosen überall Schwarze stationierten“. Nicht nur die feindlichen Alliierten strömten ins Land, fluteten die deutsche Scholle, die eh schon fremden Nachbarn brachten noch das ganz Fremde mit. Zusammenfassend urteilt Theweleit: „Die Niederlage Deutschlands im Krieg und die revolutionäre Veränderung der Verhältnisse in und um Deutschland unter dem Bild der Flut aufzufassen, scheint also möglich zu werden durch die Vorstellung von äußeren Einbrüchen und inneren Dammbrüchen, als deren Folge freigesetzte Triebe, die ihr von der wilhelminischen Gesellschaft vorgeschriebenes, erzwungenes Bett verlassen, frei fließend über die Ufer treten.“

Alles Mögliche kann da fließen und fluten, es muss nur irgendeine Grenze verletzen, überschreiten: „Landesgrenzen, Körpergrenzen, Grenzen des Anstands, der Gewohnheit; diese Grenzen müssen Verbotenes betreffen.“ Also Tabus bedeuten. Kurzum: Es ist das Andere, das Weibliche, das sich letztlich über die Strom- und Flutmetaphorik ans männliche Subjekt – das ist ja immer die kollektive Sprecherposition des „Wir“ – heranreicht, es bedroht. Und gerade „das“ Weibliche wurde zumindest in der europäischen Kultur immer wieder mit der Wassermetaphorik als das Andere bedacht; hier sollte ein Hinweis auf die dem Meer entsteigende Venus genügen.

Nicht von ungefähr kommt es wohl, dass mit der Warnung vor „Flüchtlingsströmen“ oft Vergewaltigungsphantasmen verbunden werden. Georg Gottfried Gervinus, Historiker im 19. Jahrhundert, gibt ein eindrückliches Beispiel ab von der sexualisierten Vorstellung der Ströme, lädt sie sogleich noch durch die Verbindung mit Betten und Blühen zusätzlich auf: „Blühte nicht Italien, als es das Bett der gewaltigsten Ströme fremder Unterdrücker geworden war, am schönsten und mannigfaltigsten in seiner Literatur?“

In den Sprachbildern der Ströme und Fluten kommt das eigene Unterbewusste als Gefahr gewendet zum Vorschein, das man plötzlich im Anderen erblickt. Das verdrängte Libidinöse, der Frau archetypisch zugeschrieben, glotzt einen plötzlich aus sich selbst heraus an. Da braucht es Abwehrmechanismen, muss man – auch hier bleiben die Metapher-Bediener im gleichen Wasser-Bild – als Schleusenwärter den Schleusern das Handwerk legen, Dämme errichten, Wellenbrecher oder Fels in der Brandung sein und meinen: „Das Boot ist voll!“ Nüchternere Beschreibungen würden solch drastisch aktionistischen Sprachbildern – nun ja: den Wind aus den Segeln nehmen.

 

Foto: Tobias Prüwer

  1. Mit „abschließenden Lösungen“ tue ich mich jedenfalls beständig schwer. So funktioniert Sprache nicht. Oft hilft es bereits, die Dinge beim einfachsten Namen zu nennen: Menschen fliehen und landen häufig in Deutschland. Der entscheidende Punkt ist allerdings, denke ich, dass die übliche Metaphorik viel über Ängste und Vorurteile aussagt. Davon bleiben selbst sachliche Beiträge nicht verschont, wenn sie sich auf diese Rhetorik einlassen.

  2. Das mag alles richtig sein, aber wo bleiben die alternativen Vorschläge um die (wirklich nicht alltägliche) Situation sprachlich korrekt zu erfassen?

    Reichen Begriffe wie „neuzeitliche Völkerwanderung“ oder „Kriegsflucht“ aus?
    Wo ist der abschließende Lösungsvorschlag?

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