Rainer Wendt: Ich beleidige Sie nicht, sondern sage nur, Sie sind ein …

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Foto: Hobbes1500

Rainer Wendt, Dauerpöbler in Talkshows und Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, hat einmal mehr seine außerordentlichen Logikkenntnisse unter Beweis gestellt. Nachdem in Hameln ein wahrlich Durchgeknallter seine Frau ans Auto schnallte und beinahe zu Tode schleifte, hatte Wendt – ganz im Law-and-Order-Stil – eine verweichlichte Gesellschaft dafür verantwortlich gemacht. In einem Interview bei Spiegel Online rudert er zurück – scheinbar. Übrig bleiben hohle Phrasen und die Erkenntnis, dass dieser Mann bestenfalls zur braunen Eckfahne taugt.

Nachdem die Passauer Neue Presse einen Beitrag zum Fall in Hameln brachte und Wendt mit den Worten zitierte, dass die „volle Härte des Gesetzes heute oft“ bedeute, man stelle „von Straftätern die Personalien fest, und Richter lassen sie wieder frei“, folgte die erwartbare Empörung. Wendts Urteil war pauschal und dreist. Als er im späteren Spiegel-Interview danach gefragt wird, wie „seriös eine pauschale Grundsatzkritik an deutschen Richtern“ sei, interveniert er: „Einspruch! Ich habe keine Pauschalkritik geübt.“ Nein, hat er nicht. Oder doch? „Aber es gibt mehr und mehr Urteile, die eine Tendenz zu verheerender Milde zeigen: Wenn Vergewaltiger feixend den Gerichtssaal verlassen, Todesraser, Serieneinbrecher.“ Große Sorgen mache ihm, dass die Richter „ihrem Schutzauftrag für die Bevölkerung nicht gerecht“ werden. Nun bedeutet „pauschal“ eben, pauschal nicht zu spezifizieren, sondern allgemeine, umfassende Aussagen zu treffen. Da hilft auch der Kniff nicht, irgendwo im Satz das Wort „Tendenz“ zu platzieren. „Nein, nein“, sagt Wendt übersetzt, „ich pauschalisiere nicht, aber irgendwie läuft alles scheiße.“

Weil Wendt jedoch in der ersten Liga spielen will, was Unsinn angeht, packt er noch einen drauf. Gefragt, ob er Populist sei, zieht er die Definition des Wortes in Zweifel und erklärt, dass man ihn dann so nennen dürfe, wenn es heiße, „unangenehme Wahrheiten“ auszusprechen. Damit manövriert sich Wendt mitten in den Sprech der Besorgten, die bekanntlich dreiste Zumutungen als tabuisierte Wahrheiten verkaufen. Dass seine Feuersalven gegen die deutsche Justiz ohne Beispiel bleiben, dass also sein Wahrheitsanspruch hohl verpufft, wird oberflächlich von einer geradezu idealtypischen Rhetorik der Agitation verdeckt.

Da Populismus dieser Tage mit Ängsten zu tun hat, muss Wendt auch darauf eingehen: „Ich formuliere Ängste nur, ich schüre sie nicht.“ Von Wendt ist wahrlich nicht zu verlangen, dass er verschiedene Dimensionen von Angst (u. a. als Gefühl, Affekt oder politische Strategie) unterscheiden kann. Und dass er als C-Promi im öffentlichen Raum, also in der politischen Arena, unterwegs ist, wenn er Interviews in Zeitungen gibt, muss ihm auch nicht bewusst sein. Selbst die polizeilichen Statistiken zur inneren Sicherheit sind nicht seine Angelegenheit. Möglicherweise ist er ja nur bei der Gewerkschaft – also im Innendienst – gelandet, weil er bei der Ausbildung zu oft Tonfas auf den Kopf bekommen hat. Man weiß es nicht.

Aber Wendts Feinsinn für sprachliche Genauigkeit ist durchaus nützlich. Dieser Text beleidigt ihn nicht. Es wird nur ganz sachlich dargestellt, dass er ein – naja, wir wissen, was gemeint – ist.