WdbB: Nazikeule

nazikeuleDie Nazikeule ist ein doppelt imaginiertes Schlagwerkzeug. Als buchstäbliche Kampfvokabel dichten es die Besorgten allen Kritikern an; zumindest all jenen, welche die reichlich vorhandenen Verbindungslinien besorgten Denkens zu völkisch-nationalem und faschistischem Denken offenlegen. Statt Kritik oder Argumente vorzutragen, würden bevorzugt Gutmenschen permanent und pauschal die entsprechende Keule schwingen, um mit ihr die Wahrheit zu zerschlagen und alle Argumente mit der angenommenen Nähe zu Nazis zu delegitimieren. Die hier versammelten Texte [also die des Wörterbuchs] sind so gesehen alles kleine Keulen.

Praktisch jedoch schwingen nur besorgte Bürger selbst die Nazikeule. Jedenfalls taucht das Wort ausschließlich im Kontext von Versuchen auf, Einwände gegen die besorgte Haltung abzuwehren. Wer nicht in den nationalen Taumel einstimmt und sich erdreistet, Kritik zu formulieren, auf Widersprüche aufmerksam zu machen oder das ideologische Fundament besorgter Argumentationsfiguren aufzudecken, dem wird die Keule angedichtet. Damit befinden sich die Besorgten in einer atemberaubenden Abstraktion dritter Ordnung: Sie schwingen die eh schon metaphorische Nazikeule, indem sie diese ihre Kritiker schwingen lassen. Das gleicht dem Choleriker, der mit wütender Stimme schreit, dass er sich niemals erregen lasse.

[rf]

    1. Was auch immer. Aus einem Fall, der wie auch immer gelagert ist, eine allgemeine Genderwahnperspektive zu machen, ist schon wieder herrlich.

    1. Nun, die Haskala hat offenbar nicht überall ihre Wirkung entfaltet. Schräg. Aber mit der von uns diskutierten Nazikeule hat das wenig zu tun. Die Dinge liegen in diesem Fall ganz anders.

  1. http://www.taz.de/Kommentar-Mitarbeit-Ausreisepflichtiger/!5409064/

    Als wenn für mich geschrieben wäre..ein Beispiel für die „Nazikeule“, wie es im Buche steht. Ulla Jelpke, der linkspartiische Lausprecher (auch so eine fantastische Epigone) erklärt Kamerun mal gleich zum Hort des Horrors (bar jeglicher Realität), um schön die Nazikeule nachschwingen zu können. Ich habe schon nach einem plakativen Beispiel gsucht – besser als dieses geht es nicht. Danke Ulla kann ich da nur sagen.

    1. Das sehe ich schon wieder anders. Eine „Moralkeule“ müsste erstmal sachlich entkräftet werden. Moralische Argumente sind immer bedenkenswert, was den Begriff absurd macht. Die andere Seite wäre eine ein sachliche, nur logische und damit von Macht und Egoismus getragene Vorgehensweise. Die Verwaltung der homo sacer. Das würde ich so einfach auch nicht akzeptieren. Und Deine Brücke, Frieder, zur Nazikeule ist nicht belastbar. Sie wird einfach ohne Argument hingestellt, als sei die Nazikeule ein Oberflächenphänomen der tieferen Moralkeule. Das ist hölzern und letztlich argumentfrei. Und was Dein Beispiel angeht: Der Kommentar von Jelpke ist vielleicht nicht geschickt. Aber so wie Du (und in diesem Fall die TAZ) argumentierst, trägst Du die grundsätzlich falsche Idee von Abschiebungen mit. Eine Linke muss sich (würde ich sagen) bedingungslos für das freie Abzugsrecht von Menschen einsetzen. Und dann gratuliere ich dem Herrn aus Kamerun, dass er es 13 geschafft hat, die Behörden vorzuführen. Deine Argumentation trägt insgeheim (obwohl das so versteckt nicht ist) die alte Blut- und Bodenphantasie weiter: Ein Volk auf einer Scholle. Das ist so was von 19. Jahrhundert.

      1. Ich denke beim Thema Abschiebungen werden unsere Meinungen sich nicht wesentlich annähern. Ich denke auch das lenkt von Grundthema ab.

        Du sagst ja selber, dass Jelpkes Kommentar keine Meisterleistung ist, trotzdem bietet sie doch einige Einblicke.

        – Kein Kundigmachen mit der Sache, sondern sofortiges Losblöken
        – Ich könnte jetzt selber in Jelpkes Antwort Rassimus hereinlesen. Nämlich beleidigt sie den Staat Kamerun mit ihrer Aussage. Das darunterliegende Motiv ist wahrscheinlich höchstrassistisch, nämlich die Annahme ein afrikanischer Staat kann ja nur diktatorisch, menschenrechtsverletztend etc. sein. Da brauch sie nicht mal für 5 Pfennig nachforschen.

        Insofern wäre ihre Antwort höchsgeeignet ihr jetzt selber mit der Nazikeule zu kommen. Am Ende gibt es auch bei der Nazikeule wieder so viele Situationen, die anders zu bewerten sind. Das macht es halt unsäglich schwer.

      2. Das ist so ein deutscher Reflex von dir. Hammer. Jelpke bewegt sich im typischen Rahmen politischer Sprache (oder Agitation), das muss man nicht mögen. Aber Deine Unterstellung ist abgedreht, und Dein Wille zur Nazikeule beharrlich. Da lugt doch irgendwo die Schuldumkehr durch, scheint mir. Aber das ist eine unlautere Spekulation. Wir sollten das nun beenden.

      3. Kein Problem. Eine letzte Bemerkung sei gestattet:

        „Dein Wille zur Nazikeule beharrlich.“

        Ehrlich? Ist die „Nazikeule“ nicht das Thema des Beitrags? Warst Du es nicht der mir in der Konversation diverse Male „Themenabweichungen“ vorgeworfen hat?

  2. Nun, was das Ursprungsthema betrifft: ich glaube eines der großen Probleme der gesellschaftlichen Linken ist die – sagen wir mal- Moralkeule. Und das aus einem einfachen Grund – es wird mangelndes Sachwissen überspielt und die Moralkarte gespielt. Was immer man über Lafontaine, Fischer, Cohn-Bendit oder Trittin zu ihren Glanzzeiten meinte, eines konnte man ihnen nicht vorwerfen: kein gutes Fachwissen über Kultur, Geschichte, Politik, Gesellschaft, Organisation und VOR ALLEN die Fähigkeit dies zusammenzufügen zu einer TRAGFÄHIGEN Narrative. Leider sehe ich das bei den Epigonen dieser Leute nicht mal in Ansätzen – wer einmal Katja Kipping oder Simone Peters zugehört hat, weiß warum die Linke keine Strahlkraft mehr hat. Bieder, weitgehend (meine ganz persönliche Meinung) unfähig Zusammenhänge zu erkennen, oftmals kenntnisfrei in den genannten Feldern, masslos in ihren Forderungen (z.B. Fähren statt Frontex). Und das wird dann mit der Moral- /Nazikeule kaschiert – dazu noch ohne jede Sensibilität. Die Köln-Kommentare der Simone Peters geben ein beredtes Zeugnis dieser Defizite. Hier sehe ich das viel größere Problem. Die Welt würde eine starke Linke brauchen, nicht farblose Politiker, die außer der Moralkeule nicht viel zu bieten haben. Daher sitzt das Problem der Nazikeule viel tiefer als in Deinem Artikel.

  3. Schon sprachlich interessant die Antwort. Merkst Du was? Du stimmst zu, dass der 8. Mai und Abschiebungen schon etwas unkorreliert ist („schlimmstenfalls“). Jetzt kommt s aber: wahrscheinlich unbewusst greifst Du in den „Wörterschrank“, um mich moralisch zu dran zu bekommen, da der 8. Mai etwas lauwarm ist als Moralkeule (nehme ich jetzt mals als Substitut für Nazikeule). „Ausschwitz“ ist das Wort, dass Du rausnimmst. Was passiert jetzt? Du sagts mir, wenn ich jetzt nicht zustimme, dann bin ich ja auch irgendwie nicht mit „den Lehren von Ausschwitz“ einverstanden, also quasi ein Nazi. Die Frage bleibt: was hat Auschwitz mit kosovarischen Roma zu tun? Und schon hast du die Nazikeule geschwungen, die es Dir ermöglicht eine Diskussion hypermoralisch aufzuladen. Faszinierend würde Mr. Spock jetzt sagen.

    1. Ich wäre sehr dankbar, wenn so Debatte ohne Spekulationen über mein Unbewusstes auskommen könnten. Und bitte, was Roma und Auschwitz miteinander zu tun haben (dein so schmerzlich vermisster Zusammenhang), lehren dich Geschichtsbücher (oder ggf. auch google). Porajmos wäre das Stichwort für dich. Also besser kurz innehalten, bevor so derb daneben liegende Antworten um die Ecke schauen. „Unkorreliert“ ist so ein schickes Ungetüm von Wort. Es verhüllt einen eher simplen Sinn in super wichtige Sprache. Aber ja, ich finde es nicht nötig, nur oder betont am 8. Mai darauf hinzuweisen, dass Abschiebungen mitunter heißen, sterben zu lassen. Wenn für dich allerdings der Hinweis auf moralisch immer zu verwerfliche Abschiebungen schon eine Nazikeule ist, nur weil er am 8. Mai platziert wird, dann höre ich doch den getroffenen, ziemlich deutschen Hund bellen.

      1. Warum aber 8. Mai und Auschwitz? Warum nicht: Die Lebensbedingungen HEUTE im Kosovo / demokratische Defizite etc? Wäre das nicht die richtige Diskussionsgrundlage?

        Was mich stört ist, dass hier historische Ereignisse mit heutigen Situationen verknüft werden (mal davon abgesehen das das Kosovo in der italienischen „Besatzungszone“ lag) und DARAUS ein Bleiberecht konstruiert wird.

        Ok, mal anders: Linke fordern Reparationen für die Herero. Also sollen Ur-ur-ur Enkel irgendwelcher kaiserlichen Soldaten an Ur-ur-ur Enkel von Kolonialopfern zahlen. Sowas nennt man Erbschuld und sorry, das ist für mich ein Nazibegriff…

      2. Und Themenwechsel zur Verschleierung, nicht so gelungen. Kann sein, dass Linke, die es bekanntlich in unzähligen Spielarten gibt, mitunter schräge Forderungen formulieren, wobei jeweils die Details wichtig wären. Es ist wohlfeil, hier irgendeine Forderung herauszugreifen, nur weil sie gerade vermeintlich passt. Ein Stück des hiesigen Reichtums abzugeben, der nicht zuletzt auf Grundlage mittlerweile schon Jahrhunderte dauernder Ausbeutung zustande kommt, wäre erstmal eine gute Sache, oder? Was die Erbschuld angeht, stimme ich dir zu, wenn man es so nennt. Historische Lehren allerdings, die zu besonderer Vorsicht drängen (etwa im Fall von Roma und Abschiebungen, um beim Thema zu bleiben), sind noch lange keine Erbschuld. Nennen wir das Kind Verantwortung und die Sache sieht ganz anders aus. Wobei die Sache mit der Schuld in der Tat kompliziert ist. Ich bin weder bereit, einfach so Schuld einzugestehen, weil ich hier lebe, noch würde ich umstandslos in die naive Falle laufen wollen, das hiesige, privilegierte Leben als unschuldig beschreiben zu wollen. Mit Nazikeulen allerdings hat das alles nichts mehr zu tun. Und was mich wirklich in so Debatten ärgert, ist, dass so wenige Leute in der Lage sind, ein Argument zu akzeptieren, um statt dessen immer weiter auf dem eigenen Standpunkt zu beharren, sei es zum Preis ständiger Themenwechsel und anderer Taschenspielertricks. Die Spiele des Egos machen Debatten viel zu oft sinnlos.

      3. Gut, das mit dem Themenwechsel ist ja allgemein so. Das k… mich auch an. Typisch wäre z. B. eine „Links-Rechts“-Diskussion wie folgt:

        „Wir müssen Sozialbetrug verhindern“

        Antwort: „Kümmer Dich lieber mal um die Banken“

        Ich wäre auch für eine Transaktionsteuer etc., bin kein Bankenfreund, aber: es hat schlicht nichts miteinander zu tun. Oder auch beliebt: „Korruption – Als wenn es bei uns Deutschen anders wäre“ -> Macht es ja nicht in Griechenland besser, oder?

        Das Ärgerliche ist ja: in Griechenland führt die Korruption zu einem quasi „failed state“, in Deutschland halt nicht. Sind also 2 Paar Schuhe. Wenn ich spielsüchtig bin und von 3000 € Einkommen 2000 verspiele ist das halt noch mein Privatvergnügen, wenn ich aber nur 1000 € habe und 2000 € verspiele ist das ein massives Problem, da ich mich verschulde. Vor allem wenn ich dann um Geld bitte, um meine Spielsucht zu finanzieren…

      4. Zwar ab vom Thema, aber dennoch eine Ergänzung: Der deutsche Fiskus hat Unsummen an Zinsen verdient, weil der griechische Spieler mehr verzockt hat, als er hatte und sich Geld borgen musste. Diese Geschichte wird zumeist nicht erzählt, nicht zuletzt weil sie das Ding ziemlich anders aussehen lässt. Das geborgte Geld floss PLUS Zinsen direkt u.a. an die Deutsche Bank zurück. Der von dir so benannte griechische Zocker wurde bisweilen zum Schuldenmachen eingeladen, aufgefordert oder gar gedrängt. Daran lässt sich herrlich verdienen.

  4. Doch mein Lieber, sie ist onmipräsent, vor allem in historischen Vergleichen:

    In BW wurden am 8. Mai Abschiebungen von Roma vorgenommen. Kommentar des Flüchtlingsrats: Abschiebungen am Tag der NS-Kapitulation wären ja das Letzte.

    Es wird also ein willkürliche Kette gezogen von der Verfolgung (deutscher Roma) damals und der Abschiebung (kossovarischer) Roma heute. Zusammenhang? Keiner

    Klassische Nazikeule. Und leider passiert das ständig.

    1. Sehe ich anders. Abzuschieben ist schon falsch, am 8. Mai besonders. Das kann man anders sehen, aber eine Nazikeule ist das nicht. Schlimstenfalls ist es ein nicht hinreichendes Argument. Und ja, bei bestimmten Dingen ist und sollte die Warnung, die von Auschwitz ausgeht, immer präsent sein. Wenn Du das als Nazikeule umschreibst, dann bin ich gern dabei, das Teil ständig zu schwingen.

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