Drugs and Strangers: Tödliches Cannabis vom Flüchtling?

512px-Three_space_browniesDer Polizeibericht klingt hammerhart, und die national-besorgten Seelen reiben sich genüsslich die Hände: In einer Bremer Unterkunft für Geflüchtete seien zwei Frauen im Alter von 25 und 62 Jahren zu Schaden gekommen. „Ein 16 Jahre alter Bewohner der Unterkunft“, heißt es im Bericht, den Tag24 beinahe eins zu eins in einen Artikel verwandelte, „lud die beiden Mitarbeiterinnen zum Kuchenessen ein. Kurze Zeit nach dem Verzehr klagten die Frauen über starken Schwindel und Übelkeit und wurden in Krankenhäuser eingeliefert.“

Die Jüngere der beiden musste, laut Polizei, sogar reanimiert werden. Bittere Geschichte, deren Umstände durchaus interessant sein könnten. Die Polizei Bremen weiß zwar noch nicht so wirklich, was passiert ist, kommt aber unmittelbar mit einer Begründung um die Ecke. Im Kuchen hätten sich „deutliche Spuren von Cannabis“ finden lassen, stellt der Polizeibericht ohne weitere Einlassungen fest. Die „Mordkommission“ habe die Ermittlungen übernommen und prüfe nun, woher der Kuchen kam. Damit ist alles angerichtet für einen herrlichen Aufschlag des Boulevards. Zwei Themen, die wie nichts Gutes das Othering bedienen, verschränken sich und garantieren beinahe, dass der Klickzähler glüht und das Ressentiment anschwillt: Drogen und Ausländer.

Soweit so klassisch. Doch sowohl der Polizei als auch den Journalisten von Tag24 wäre zuzutrauen, eine kurze Recherche in Gang zu setzen, damit sie herausfinden, dass ihre Tatwaffe, die Droge Cannabis, nicht die Tatwaffe sein kann – egal ob hinterrücks im Sinne einer Mordwaffe oder fahrlässig. Bei den meisten Stoffen, die als Droge etikettiert werden, gibt es eine tödliche Dosis: Zu viel von einem Stoff oder zu viel in Kombination mit anderen Stoffen und der Kreislauf macht die Grätsche. Im Fall von Gras allerdings liegen die Dinge anders: Für den Wirkstoff THC, also für Cannabis und Marihuana, gibt es de facto keine tödliche Dosis (nachzulesen etwa auf der einschlägigen Seite druglibrary.org). Genauer: Die mittlere letale Dosis (LD 50), also eine Menge, bei der mindestens die Hälfte aller Konsumenten über die Klinge springen würde, liegt im Fall von THC so hoch, dass der Wert reine Theorie ist. Er befindet sich irgendwo zwischen 666 und 1.200 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht. Die Forschung streitet sich an diesem Punkt ganz offensichtlich. Selbst wenn man allerdings den geringsten Wert annimmt, müsste ein Mensch, der 75 Kilogramm wiegt, etwa 50 Gramm reines THC auf einmal einnehmen, um dem Tod näherzukommen.  Die Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht taxiert den Wirkstoffgehalt im Gras bei um die 10 Prozent, was heißt, man müsse ein halbes Kiloframm Gras auf einmal essen oder rauchen. Wie heißt es so schön? Challenge accepted, liebe Polizei Bremen! Koffein etwa ist bei 200 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht für mindestens die Hälfte der Leute tödlich; selbst Salz oder Zucker sind tödlicher als Gras.

Das ist alles andere als Herrschaftswissen. Aber die Polizei Bremen und Tag24 genießen es viel zu sehr, über vermeintlich Fremdartiges Emotionen zu kitzeln und volles Produkt in die alten ideologischen Kerben zu schlagen. Drogen und Ausländer verkaufen sich schon lange gut im Doppelpack.

 

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