Die Biomär oder: Heile Welt bei Biomare

Biomare_Weigerung_kleinSeit ein paar Knalltüten die Scheiben des Biomare in Connewitz eingeworfen haben, entspinnt sich eine Diskussion zu legitimer und passender Kapitalismuskritik; schließlich hatte der Ökomarkt mit diesem Thema Werbung gemacht. Einige Anmerkungen dazu, was am Biokonsum politisch problematisch und warum die Werbekampagne eine Frechheit ist.

Vor einiger Zeit hatten wir bereits darauf hinzuweisen versucht, dass es zumindest einen fragwürdigen Eindruck hinterlässt, wenn ein Händler mit antikapitalistischer Attitüde Aufmerksamkeit erzeugen will. Damals lag de Fokus kurz und knapp auf dem Argument, dass Biomare selbst Investments tätigt, Kapital akkumuliert und Gewinn erwirtschaftet. Es sieht komisch, genau genommen lächerlich aus, wenn ein solcher Laden mit dem Slogan wirbt: „Der Kapitalismus ist das Resultat deiner Weigerung, es besser zu machen.“ Die Funktion des Spruchs ist recht deutlich: Mit einer kaum versteckten Herablassung wirft Biomare allen, die nicht dort oder wenigstens überhaupt „bio“ kaufen, vor, für die Defizite und Fehler, für die Zumutungen und Verschmutzungen des Kapitalismus verantwortlich zu sein. Schließlich gäbe es den Fluchtweg, der gleichzeitig der Eingang zum Biomare sei. Alle, die diesen Weg nicht beschreiten, „weigern“ sich und machen sich damit schuldig. Man muss es nochmals deutlich sagen: Es handelt sich um teure Werbung, die in erster Linie Neukunden ansprechen und den Umsatz im Geschäft ankurbeln soll.

Über diese allzu ersichtliche Schizophrenie hinaus gibt es jedoch noch weitere Argumente, warum Biokonsum gerade nicht Ausdruck einer besseren Welt ist, warum er den von Biomare so schnuckelig kritisierten Kapitalismus eher vertieft und stützt, als ihm tatsächlich ein Schnippchen zu schlagen. Mit dem Etikett „bio“ wurde erfolgreich eine neue Konsumwelle provoziert, ein Hype auf gute und gesunde Produkte, die in erster Instanz das eigene Leben und Wohlbefinden verbessern (sollen). Bekanntlich ist das Label „bio“ streitbar und lässt sich auf ziemlich viele Produkte kleben. Ein lustiges Beispiel von einem Gemüsegroßhändler: Dieser verkauft Möhren von einem Feld, die in einer eigens angeschafften Sortieranlage in drei Kategorien unterteilt werden: Die gut geputzten in einer recht großen Tüte für Aldi, die geputzten und nur beschnittenen für Rewe (u. a.) und die nur grob geputzten mit Grünzeug für die Bioecke. Beispiele dieser Art gibt es unzählige, und auch Biomare wird, wenn es dort für einen Moment ehrlich zuginge, bestätigen können, dass es mit den Labels nicht eben einfach ist.

Viel entscheidender ist jedoch, dass sich auch Bioprodukte (was auch immer das genau ist) in den typischen Kreislauf der Warenzirkulation einsortieren und konsumiert werden. Noch immer fehlt der Nachweis, warum es politisch besser sei, Biokartoffeln zu essen. Letztlich fügt sich „bio“ nahtlos in den aktuellen Megatrend namens „lohas“ (lifestyle of health and sustainability) und spielt damit gefällig seine Rolle im marketing- und etikettenorientierten Kapitalismus.

Anders als andere Läden allerdings fischt Biomare Kunden ab, die immerhin bewusst konsumieren wollen und meistens eine Problemwahrnehmung haben. Gerade das macht die Sache so problematisch: Biokonsum erlaubt es – genau wie das Plakat es formuliert –, sich bei den Guten zu wähnen, das eigene politische Gewissen mit Biocreme zu salben und damit zu entlasten. Im Stil von „Ich tu doch schon, was ich kann, um die Schieflagen der Welt zu beseitigen, weil ich nur noch bio konsumiere und zudem den Müll trenne“. Das verschleiert die Systematik, die politische Dimension hinter den Schieflagen dieser Welt und hinterlässt oft genug dennoch ein wohliges Gefühl. Dabei ist es zunächst egal, ob man für alles den Kapitalismus verantwortlich macht. Biokonsum verdeckt den Umstand, dass es kein politisch korrektes und ökologisch sauberes Leben gibt. Das Handy, das zur Bestellung der Biokiste zum Einsatz kommt, stammt häufig genug von Foxccon, die Möbel von Ikea, die Hose wurde in Taiwan produziert usw. „Bio“ ist wie eine Spendengala für arme Kinder in Afrika. Erst nehmen wir den Kontinent systematisch aus, um dann mit ein paar auf’s Ganze gesehen albernen Spenden unser Gewissen freizukaufen.

Die Problemdimension, um die es geht, ist politisch und lässt sich auch mit noch so viel Aufwand nicht wegkonsumieren. Und genau dort liegt das Perfide der Werbekampagne, weil sie so tut, als wäre es möglich, die bessere Welt bei Biomare zu kaufen. Wir haben es also mit einer mehr oder weniger gut versteckten Entpolitisierung zu tun, die ganz nebenbei einem Imperium, das kleine Bioläden ohne zu Zögern wegbeißt, Geld in die Taschen spülen soll. Mit einem politischen Anstrich und dem Impuls, nur die Guten zu bedienen, lässt sich ordentlich Kasse machen.

An sich spricht nichts dagegen, „bio“ zu kaufen und entsprechende Läden zu betreiben. Man sollte sich nur gewahr sein, dass das weder über kurz noch über lang irgendein politisches Problem löst oder die Lage verbessert. „Bio“ ist nicht viel mehr als eine weitere Spielart spätkapitalistischer Anreizstrukturen für Konsum; schließlich hieß die ökologisch absurde Subvention der Autoindustrie auch „Umweltprämie“. Selbst McDonalds hat das verstanden und poliert die Etikette auf „bio“. Allerdings ist die Fast-Food-Kette wenigstens so ehrlich, nicht mit antikapitalistischen Motiven den Burger-Umsatz ankurbeln zu wollen.

Wirklich ärgerlich wird Biomares Politikoffensive allerdings dann, wenn ein zweites, eigentlich viel wichtigeres Thema bedacht wird, das man landläufig die soziale Frage nennt (oder besser nannte). „Bio“ ist nachweislich ein Phänomen der gehobeneren Schicht, weil man sich das alles leisten können muss. „Mit Hartz IV kommst du nicht weit im Biomarkt“, textet ziemlich treffend die Band Kraftklub. Der Biokult und mit ihm Biomare schiebt schließlich all jenen den politischen Schwarzen Peter zu, die sich keine „Bioäpfel“ aus Neuseeland leisten können. Das schafft eine verschärfte Segregation, weil – um es derbe zu formulieren – den Reichen sogar noch die Möglichkeit offeriert wird, sich politisch gut zu fühlen, besser zu sein und vor allem nicht oder mindestens weniger verantwortlich für die ökologischen Probleme. Das ist perfide. Empirische Befunde zeigen recht deutlich, dass sich Reiche ökologisch bewusster ernähren und auf die Umwelt achten. Ihre Ökobilanz ist dennoch viel schlechter als jene von weniger gut betuchten Schichten, da sie zum Beispiel weitaus häufiger im Flugzeug sitzen.

Der unnachahmliche Thomas Ebermann erzählte vor einiger Zeit die Geschichte, dass er bei guten Freunden kritisch befragt wurde, warum er immer noch Feuerzeuge nutze, die nicht nachfüllbar seien. Das sei ökologisch nicht tragbar, wurde ihm im Innenraum eines neuen, dicken SUV mitgeteilt. Nee, is klar.

  1. Liebe sprachlos-Autorinnen,

    wir (teilAuto) überlegen die „Kapitalismuskritik“ von biomare zu übernehmen und auf Öko, (stationsbasiertes) Carsharing – aber insbesondere auch tA zu übertragen. Wie würde Eure Kritik ausfallen?

    1. Hallo,
      TeilAuto ist ne schöne Sache, finde ich. Das hat aber nichts mit einem Werbeplakat zu tun, das die Probleme der Welt auf die Schultern der Konsumentinnen und Konsumenten abwälzt und so tut, als würde es reichen, ein wenig bewusster (im Biomare) zu konsumieren. Das ist die neoliberale Privatisierung gesellschaftlicher Widersprüche, ein Baustein einer grassierenden Entpolitisierung. Meine Kritik wäre also die gleiche, obwohl ich nichts gegen TeilAuto einzuwenden habe.
      Beste Grüße
      rf

  2. Ist es nun in Ordnung, Kapital zu akkumulieren, also Gewinne zu machen oder nicht? Wenn es das ist, dann kann man Biomare schlechterdings aufs Geschäft – und damit auch auf Werbung fürs Geschäft – ja gar nicht recht einen Vorwurf stricken. Unternehmerisch tätig zu sein, heißt in allererster Linie, und das systemunabhängig, eigene Ideen als Arbeitsgrundlage zu wählen und diese umzusetzen – den Neoneoliberalismus herzunehmen, um damit alle liberalen Errungenschaften (es gab einmal sowas wie Sozialliberalismus…) ist sonst eigentlich nur Sache der FDP (gewesen)…

    Der darin wohnenden Doppelmoral dagegen lässt sich durchaus die Stirn und das Wort bieten: Da auc hin den letzten Jahren vermutlich der Konsum im Gesamten nicht angestiegen ist (wir leben weder in einer Fress- noch sonstewas Kaufwelle), ist er allenfalls teurer geworden. Sich über Qualität abzusetzen, das vor allem nach oben und mit moralischem Imperativ,, ist nicht nur in der Lebensmittelbranche ein beliebter Taschenspielertrick, dessen sich mittlerweile auch LIDL, Aldi und co. bedienen. Dabei geht es in erster Linie um die Strategie, durch „Qualität“ zu segmentieren, Käuferschichten zu individuieren, um dann die, die eigentilch aus dem Raster fallen, mit Heilsversprechen wieder aufzukehren. Diese Strategie bedient sich in Zeiten fehlender Aufstiegschancen natürlich gerne beim Moralischen. zeigt aber gerade bei den großen Playern, dass mittlerweile da die nackte angst umgeht, weil die Felle doch so langsam wegschwimmen, das Wachstum nicht mehr groß genug und die Marge nur noch unter höchstem Druck auf Produzenten gehalten werden kann. Die Milch machts… Die Diskussion um die Milchpreise war die erste ihrer Art, die tatsächlich im öffentlichen Bewusstsein „ankam“.

    Zum Biomare: Es handelt sich bei Malte Reuperts Geschäft keineswegs, wie dargestellt, um ein Imperium, sondern lediglich um den Besitzer dreier Biomärkte größeren Formats. Das Wegbeißen, also Konkurrenzverhalten,, gehört in einem von unternehmerischer Tätigkeit bestimmten Feld durchaus dazu, muss man nicht mögen. Ob es in dem Maße tatsächlich stattgefunden hat, ist fraglich – die Konsumkritik am Biomare trifft auch andere Biomärkte in Leipzig, das Gebahren ist hier kaum anders, was die Preise und die Segementierung angeht. In aller erster Linie ist Kritik am Biomare in der vorgebrachten Form deshalb nicht Kritik am Biomare, sondern Oberschichtenkritik, die als solches vollkommen zutreffend, m.E. fast noch zu freundlich formuliert ist. Was dann noch an Kritik an der Kampagne von Biomare übrig bleibt, scheint mir tatsächlich in der Augenwischerei, es gäbe über Konsum so etwas wie einen gemeinsamen Nenner verschiedener Konsumentenschichten zu erzielen zu bestehen. Das aber ist weniger gefährlich als einfach nur peinlich und dumm und deckt sich strukturell darin ziemlich mit der Steineschmeißaktion, denn auch die ist lediglich dumm und etwas peinlich.

    1. In dieser Welt wäre es, finde ich, albern, Geschäftstätigkeit insgesamt in Zweifel zu ziehen. Das richtige Leben und das Falsche und so… Es geht in erster Linie darum, das psychosoziale Spiel einer konsumistischen Gewissensberuhigung (und Entpolitisierung) aufzuzeigen. Und die Kampagne von Biomare liefert einen herrlichen Anlass dafür, weil sie so schön vorführt, wie sich der „neue Geist des Kapitalismus“ seiner Kritik bemächtigt hat. Ansonsten stimme ich dir zu, Juri.

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