WdbB: Heimat

»Der sehr deutsche Begriff Heimat klingt harmlos. Doch progressiv besetzt werden kann er nicht«, argumentierte Patrick Gensing in der taz und verwies unter anderem auf die Nazikameradschaft Thüringer Heimatschutz, Forderungen besorgter Bürger, die Band Frei.Wild und den unter dem Begriff Neue Heimat firmierenden Siedlungsbau der Nazis. Die hässliche Schlagseite des Wortes spiegelt sich auch im niedlichen DDR-Pionierlied Unsere Heimat. Zuerst wird dort ein idyllisches Bild von Natur und Kultur gezeichnet, die Heimat dann aber nicht wegen ihrer Eigenqualitäten für schützenswert erklärt, sondern »weil sie unserem Volke gehört«, wie das Lied in höchsten Tönen kulminiert. In einer solchen Lesart von Heimat steckt immer auch Blut und Boden, die unverbrüchliche Verknüpfung von Menschen mit ihrer Umgebung, Unveränderlichkeit und die notfalls bewaffnete Verteidigung der Scholle ( Volksgemeinschaft).

In seinen eher harmlosen Ausformungen erinnert das Wort an Heimattümelei, -filme und -vereine, in denen ein verklärt-sentimentales Bild der Vergangenheit zelebriert wird und Kleinkariertheit mit Altherrenwitzen für irgendeine gute alte Zeit steht. Es gibt jedoch mehr als das: Man spricht mitunter von der alten oder der neuen, von der geistigen, politischen oder kulturellen Heimat, wenn ein besonderer Bezug zu einem Ort, einer Idee, einem Lebensstil oder einer Vorliebe herausgestellt werden soll. In diesen Fällen stecken bereits im Kontext entweder die Loslösung von der Scholle oder gänzlich enträumlichte Konzepte ebenso wie Veränderbarkeit und Wahlmöglichkeiten. Der Kulturpsychologe Ernest E. Boesch definierte Heimat als »Ort des sicheren Handelns«, was auch der historischen Dimension des Begriffs gerecht wird. Denn er stand nicht für den Landstrich, wo zufällig Geburt und ein Großteil des Lebens stattfanden, sondern für eine Region, innerhalb derer man gewisse Rechte genoss und häufig verbrieftes Eigentum besaß. »Heimatlose Gesellen« waren keine frühen Antideutschen, sondern wandernde Tagelöhner ohne sichere Rechtstitel, die Ausgestoßenen und Vertriebenen − was den »illegalen Einwanderern« wie auch den Flüchtenden von heute entspricht.

Heimatlosigkeit oder die vor der Heimattümelei des 19. Jahrhunderts häufige Verwendung als »himmlische Heimat«, die nur im Jenseits zu finden ist, veranschaulichen, dass Heimat trotz der Diffusität deswegen so schwer zu tilgen ist, weil sie für das Grundbedürfnis nach einem konkreten oder metaphysischen Ort steht, an dem man schlicht man selbst sein kann und geborgen ist. Dadurch eignet der Begriff sich einerseits zur Mobilisierung von Besorgten, aber andererseits als Hoffnung, Raum der Rechtssicherheit und Kontrapunkt von Neuankömmlingen, Außenseitern und »Mimimis« (Mitbürger mit Migrationshintergrund, Samy Deluxe), die durchaus selbstbewusst Heimat einfordern und nach ihren Vorstellungen gestalten.

[rs]

  1. Erst einmal großes Lob für den Blog! Super gesetzte Themen, ausgewogen und auch weniger nette Leute kommen zu Wort.

    So geht Diskussion wie du es machst.

    Leider schneiden sich nicht viele Linke eine Scheibe von dir ab. Die Buchmesse war ein Tiefpunkt linken Protests. Das war ein Gemisch aus ordinärer Provokation, dümmlichen Lügen und Meinungsverbotsgelaber. bei aller Symphathie – das war Fremdschämen pur.

    Vielleicht sollten die mal bei dir in die Schule gehen wie man es macht. Hart in der Sache und doch dialogbereit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.