„Zu leiden selbst muss er lernen“: Leipziger CDU-Schüler auf de Maizières Spuren

Leonhardt-JU-LeipzigEin Leipziger Abiturient sorgt für Aufsehen. Mit 17 Jahren schon altklug und abgetakelt, spielt der die Rolle des unaufgeregten sachlichen Beobachters, der anders als seine Mitschüler nicht gefühlsduselig, sondern abgeklärt und besonnen ist. Die anstehende Abschiebung eines Jungen aus seiner Schule kommentiert er entsprechend kalt. Dabei stützt er seine scheinbare Überlegenheit auf einen falschen Begriff und outet sich als Treibhauspflanze.

Mit dem Satz „Ich war schon immer sehr rational“ wird Christoph Leonhardt, Vorsitzender der Schüler Union Leipzig in der FAZ zitiert. Dieser Satz ist aus verschiedenen Perspektiven bemerkenswert. Ein „immer schon“ mit strammen 17 Jahren ist eine Geste, mit der sich der noch nicht geschäftsfähige Christoph mindestens den gefühlten Unmut seiner Mitschüler durchaus zu Recht zuzieht. Was soll das heißen? Während die anderen noch ballaballamäßig Räuber-und-Gendarm gespielt haben, Astronaut werden und völlig irrational nur Süßigkeiten essen wollten, war Christoph schon mit Kalkül und Prognose am Start und hat seine Berufsperspektiven ausgelotet? „Immer schon“ ist immer schon schwierig, aber im Abiturientenalter steckt in dieser Wortverbindung die Selbstsicherheit eines Frühreifen, denen bekanntlich nicht zu trauen ist. „Seine Erfahrung ist apriorisch, ahnende Sensibilität, die an Bild und Wort ertastet, was Ding und Mensch später erst einlösen“, schreibt Theodor W. Adorno unter dem Stichwort „Treibhauspflanze“ in Minima Moralia zur Speziesn der Frühreifen. Und weil es passt wie Arsch auf Eimer, weiter Adorno:

„Mühsam muß er der Beziehung zu den Objekten den Raum erobern, der von seiner Vorstellung eingenommen ist: zu leiden selbst muss er lernen. Die Fühlung mit dem Nicht-Ich […] wird dem Frühreifen zur Not. Die narzißtische Triebrichtung, angezeigt vom Übergewicht der Imagination in seiner Erfahrung, verzögert die Reife gerade. Nachträglich erst macht er Situationen, Ängste, Leidenschaften, die in der Antizipation überaus gemildert waren, mit krasser Gewalt durch […]“.

Kurz: Christoph hat nur ein schwaches Bild dessen, was eine Abschiebung bedeutet, weil seine imaginative Geschicklichkeit ihm vorgaukelt, schon viel weiter zu sein, als er ist. Die Abschiebung ist für ihn abstrakt, schemenhaft und unkonkret. Dies bezieht sich auch auf die gefällige Verwendung des Begriffs „rational“. Abgesehen davon, dass gerade Kinder nur als Figuren in fiesen Gruselfilmen berechnend – also rational – agieren, ist das Wort assoziativ gewählt und geht an der Sache vorbei. Rational meint so viel wie vernünftig, logisch abgeleitet oder sachlich begründet. Die Abschiebung eines Kindes verbleibt jedoch unmittelbar im Rahmen einer rechtlichen Setzung, deren moralische oder sachliche Bewertung nicht automatisch mitgeliefert wird. Weil der „Asylantrag rechtsstaatlich geprüft und abgelehnt“ wurde, müsse er, so Christoph vorschnell, auch sachlich in Ordnung sein. Moralische Einwände sind offenbar Kinderkram. Was rechtens ist, muss jedoch noch lange nicht richtig oder rational sein. Die Barbarei der Nazis übrigens hatte eine sehr rationale Seite: Die Zweck-Mittel-Relation war herausragend. Deutsche, widerwärtige Gründlichkeit eben. Der Schüler Christoph sollte eigentlich die Differenzen zwischen rechtens, rational und gut kennen, schließlich ist der Geschichtsunterricht im Abi noch in vollem Gange.

Für die unbemerkte Überblendung von Opportunismus, Eigennutz (puh, ein Konkurrent weniger) und Vernunft kannte Adorno ebenfalls einen Begriff, der für Christophs Aussagen ziemlich treffend ist: Instrumentelle Vernunft. Wohin die führt, ist bekannt. Wer mit 17 Jahren so kalt und selbstsicher daherkommt, dem steht womöglich eine große Karriere in der Politik bevor. Für Christoph jedenfalls lässt sich vermuten, dass Thomas de Maizière als Stilikone taugt, schließlich prescht dieser allzu gern mit kalten, instrumentell-vernünftigen Aussagen vor.

  1. „Es geht um den Unterschied zwischen Gesetz, Moral und Vernunft. Alle drei können mitunter zusammenpassen oder sehr weit auseinanderliegen.“

    Es gibt halt einen gewissen Anteil Menschen, die das
    – nicht verstehen wollen, oder
    – nicht verstehen können und
    – die, solange es nicht sie selbst betrifft, es für alpha-männlich halten, sich einen Dreck um solche Feinheiten zu scheren.

    Jener Kerl sieht sich als ein vorbildlichen Knecht seiner Herren, seine willige Vollstreckung aller ihrer Wünsche sichert ihm deren Liebe. Unersetzbares Fundament der Macht von Diktatoren sind stets Menschen mit diesem Mindset. Gruselig, auch weil immer einige unter uns so sind.

  2. SU Leipzig – was sollte man aus dieser Richtung in Zeiten deutschtümelnder Ekstasen an nahezu jeder Ecke und ungeschützter, aber leider von zahlreichen Sprecherinnen und Sprechern nicht gekannter, in Folge dessen eben auch nicht durchdachter und schon gar nicht vermiedener Nazi-Terminologie auch erwarten.
    Die generell angebrachte Distanzierung zu ad personam Argumenten ist hinlänglich bekannt und oft erscheint sie auch angemessen. Jedoch sei angesichts des beigebrachten Bildes des ungeniert drauflosformulierenden Jungschnösels aus christdemokratischen Gefilden der Verweis auf die auffällige Analogie zu übermotivierten Sturmbannführern ganz anderer Zeiten zumindest als Gedankenspur erlaubt. Wer sich jetzt vorschnell abwenden mag, dem sei Viktor Klemperers „LTI. Die unbewältigte Sprache“ zur Lektüre empfohlen – oder sollte dieser Band dem gespreizten Gymnasiasten in quasi-aufklärerischer Attitüde selbst zugehen? Allerdings verbietet sich diese Indienstnahme nahezu klassischer Literatur fast von selbst. Beredtes Schweigen scheint im vorliegenden Fall also zu den angemesseneren Lösungen zu gehören, auch wenn dies kaum bis zu Christoph durchdringen wird.

  3. Was will der Künstler uns sagen? Der Junge findet es gut das Gesetze durchgesetzt werden, wie es die Pflicht allen Staatsdienern vorschreibt. Man mag ihn jetzt gut finden oder spießig….

    Schlimmer sind Typen wie Albig in SH, die glauben, sich quasi – nur ihrer Meinung vepflichtet – mal eben – fürstlich steuerzahlerfinanziert – über den Willen des Volkes diktatorisch hinwegbegeben zu können.

    Ihre Argumentation, RF, steht auf tönernen Füssen. Es sei denn sie finden . wie leider so viele – Gesetzesbruch ganz toll. Wäre aber bei „Linken“ auch nichts wirklich Neues…

    1. Herr Zubermann, Ihre Lesekompetenz scheint begrenzt. Es geht um den Unterschied zwischen Gesetz, Moral und Vernunft. Alle drei können mitunter zusammenpassen oder sehr weit auseinanderliegen. Gerade die deutsche Geschichte kennt so einige Passagen, als es eine moralische Pflicht gewesen wäre, das Gesetz zu brechen. Und ob es vernünftig ist, hier lebende und mittlerweile sozialisierte Kinder abzuschieben, werden Sie nie rechtlich beantworten können. Wer allerdings, wie Sie, die Staatsknechtschaft also oberste Tugend versteht, wird für so Argumente nicht zugänglich sein. Der Faschismus übrigens hat gerade diese unterwürfige Geste verlangt. Eine aufgeklärte, demokratische Welt braucht unbedingt Menschen, die das Recht auf seinen moralischen Gehalt und seine Vernunft befragen. Sie werden das sicher nicht sein.

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