No Ears for Krauts: Der Islam als Lieblingsfeind

neue-sorgeEs ist schon erstaunlich, was für Texte dieser Tage tatsächlich noch als „links“ durchgehen. Ein Bilderbuchexemplar eines reaktionären Pamphlets, das es irgendwie geschafft hat, für links gehalten zu werden, erschien in der Februarausgabe des CEE IEH, verzapft von der einschlägig bekannten Gruppe No Tears for Krauts. Es wird wild pauschalisiert und im Duktus der Allwissenheit über die Motive und Hintergründe von Menschen geurteilt. Diese herrisch auftrumpfende Haltung tritt selbst die Mindeststandards der Differenzierung mit Füßen.

„Im Zweifel für den Zweifel“ sangen Tocotronic bereits auf einer älteren Platte. Zu zweifeln jedenfalls ist ein hohes Gut, eine durchaus wichtige Kompetenz. Nicht zuletzt gilt dies für die eigene Urteilskraft, für die Frage also: Was kann ich wissen und wie kann ich urteilen? Der Text „Wer schweigt, stimmt zu“ aus der Feder der Hallenser Antifagruppe lässt dagegen keinen Zweifel daran, wer die Dummen und wer die Bösen sind.

Zwar stimmen die Autoren in den Kanon der Kritik ein und halten fest, dass das Statement des Plenums vom Conne Island aus dem Herbst 2016 „misslungen“ sei. Nur hätten alle anderen die wahren Gründe nicht gesehen bzw. den einen einzigen wahren Grund: Den Islam. Alle möglichen Einwände werden mit abfälligen Begriffen goutiert; den Superlativ habe sich die Kritik am Statement verdient, die hier auf dem Sprachlosblog veröffentlicht wurde: Sie sei die „allerdümmste“, weil sie ein schroffes Freund-Fein-Denken im Text des Plenums konstatierte. Warum das alles so saudoof sei, müssen die Kings aus Halle nicht begründen. Es reicht, die Tatsachen zu benennen.

Nicht zu zweifeln, wer dumm und wer schlau ist, bleibt allerdings als vielleicht unsympathische aber harmlose Geste zurück. Bitter dagegen ist die zweifelsfreie Analyse der eigentlichen Tatsachen und ihrer Hintergründe. Mit „Let’s talk about Islam“ ist das Herzstück des Textes überschrieben – um dann doch nicht über eine Religion zu reden, sondern diese als einzig wahren Grund für sexuelle Übergriffe zu verhaften. „Vor allem“ sei es der Islam gewesen, der übergriffig und gewalttätig geworden sei; und man tue allen nichtmuslimischen Migranten derbe Unrecht, wenn man diese Wahrheit nicht in aller Deutlichkeit benenne.

Es nimmt schon Wunder,  mit welcher schlafwandlerischen Sicherheit hier über Verhaltensmuster und Motive einer bestenfalls in groben Zügen bekannten Gruppe geurteilt wird. Haben sie in Halle Ermittlungsakten und Psychogramme zu allen Tätern, obwohl wahrlich nicht alle bekannt sind? Oder woher kommt sonst die überaus souveräne Geste, das so kristallklare Wissen darum, wer aus welchen Gründen agiert hat? Oder liegen die Dinge umgekehrt und behauptet die Gruppe, dass nur Moslems tatsächlich sexistisch und machistisch sein können? Das wäre jedenfalls ein logischer Schluss, sachlich falsch, politisch bösartig, aber immerhin folgerichtig. Fragen über Fragen, die durch den Umstand verschärft werden, dass sich der Text explizit auf jene europäische Errungenschaft bezieht, die sich Universalismus nennt. Damit ist in linken Kreisen üblicherweise gemeint, dass Rechte und Pflichten für alle Menschen in gleicher Weise gelten – was unweigerlich ein Individuum in den Zeugenstand ruft und die pauschale Verurteilung von Gruppen ausschließt. Wenn Regeln universell gelten, dann kann das Richtmaß nur der oder die Einzelne sein.

Abgesehen davon bedient sich No Tears for Krauts eines fragwürdigen Argumentationsmusters, auf das schon Abiturienten freundlich aber bestimmt hingewiesen werden: Eine Wirkung wird aus nur einer einzigen Ursache hergeleitet. Die Religion Islam ist an allem Schuld. Man nennt das monokausal und entsprechende Ableitungen sind fast immer Käse. Ein Beispiel: Weil Mesut Özil in der 42. Minute einen Fehlpass gespielt hat, verlor Arsenal London am Ende 5:1. Offensichtlich ist das Unsinn. Eine Religion, der weltweit über zwei Milliarden Menschen angehören und die sich in unzählige unterschiedliche Ausprägungen differenziert, ist daran Schuld, dass es im Conne Island zu sexistischen Übergriffen kam. Wer so argumentiert, hat keine – durchaus nötige – Religionskritik im Sinn, sondern projiziert und vorverurteilt. Niemand würde angesichts evangelikaler „Märsche für das Leben“ alle Christen für genauso reaktionär und verwirrt halten wie diese Quasisekte. Ohne Zweifel, innerhalb der islamischen Glaubensvielfalt gibt es problematische Tendenzen, nicht zuletzt was Frauenrechte angeht. Dafür allerdings gleich alle in Sippenhaft zu nehmen und genau zu wissen, wer die Täter waren, ist falsch, überheblich und getrieben von einem Willen zum Feind.

Man stelle sich vor, auf die gleiche Weise wie No Tears for Krauts Muslime und den Islam anprangert, würde über das Judentum gesprochen, in dessen Reihen es auch den einen oder anderen Verrückten gibt. Der Aufschrei wäre riesig. Zur Illustration hier eine Passage aus dem Text der Hallenser, in der nur die eine Religion mit der anderen ersetzt wurde:

„Doch anders als vom Plenum suggeriert, war das Problem […] keine beliebige migrantische Männergruppe und nur bedingt das Patriarchat, sondern vor allem das Judentum. So ist es ein offenes Geheimnis, dass diejenigen, die das Conne Island zeitweise in einen Ausnahmezustand versetzten, gerade nicht aus Kumasi oder Nowosibirsk kamen, sondern aus jüdisch geprägten Ländern, in denen das Judentum selbst einige derer entscheidend prägt, die sich nicht direkt zur Religion bekennen. Auch das gilt selbstverständlich nicht für alle, aber dass das Judentum viel tiefgreifender in die Sozialisation, Erziehung und Alltagskultur seiner Angehörigen eingreift als viele andere Vereine, dürfte unbestritten sein.“

Der Irrsinn einer solchen Aussage ist offenkundig. Und Religionskritik sieht anders aus, egal um welche Religion es geht. Sie sollte vielleicht mit einem Zweifel beginnen, mit jenem Zweifel, der es mir erschwert, mal eben über etwa ein Drittel der Weltbevölkerung und eine so ungemein vielstimmige Religion umstandslos zu urteilen. Danach darf die Kritik ruhig einsetzen und sich mit den religiösen Anteilen an einer patriarchalen Prägung beschäftigen.

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