Twitterkönig in Ausbildung: Norbert Bolz

bolz-IINorbert Bolz – wir hatten ihn schon einmal auf die Kieker, hat mittlerweile seine medienwissenschaftliche Karriere an den reaktionären Nagel gehängt. Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck auf, weil er auf seinem Twitterprofil intensiv so  reaktionäre wie hohle Phrasen übt. Hauptsache dagegen, koste es, was es wolle. Hier eine kleine kommentierte Auswahl.

Nun, Twitter ist aufgrund der strengen Zeichenbegrenzung immer irgendwie pauschal. Das allerdings heißt vor allem, dass bestimmte Gedankengänge einfach nichts für Twitter sind, weil sie nicht in einen Tweet passen. Die Kürze ist also kein hinreichendes Argument, weil es immer die Option gibt, nicht zu twittern. Wer dennoch Sätze wie diesen in die Welt posaunt, führt Böses im Schilde:

Der „Kampf gegen Rechts“ ist eine Kollektivpsychose, die den Linken die Einsicht erspart, dass sie kein politisches Thema mehr haben.

Gut gebrüllt, Löwe. Für Bolz scheint der Kampf gegen Links so wichtig zu sein, dass er sogar den Widerstand gegen nationalsozialistisches Gedankengut als geisteskrank verkauft. Das heißt dann wohl: Wer gesund ist, muss rechts sein. Und weiter im gruseligen Altherrengezeter:

„Sexismus“ und „Rassismus“ sind die frei flottierenden Vokabeln eines neuen Tugendterrors.

Offenbar hat Bolz gute Gründe, warum er lieber nicht über die Themen Sexismus und Rassismus reden möchte. In diesem Fall: Kein Schelm, der Böses dabei denkt. Man muss schon arg moralisch und sittlich verwahrlost sein, um diese beiden Themen einem Terror, welchem auch immer, zu unterstellen. (Fun fact: Sein rechtsradikaler Historikerkollege aus Berlin, Jörg Baberowski, hat den Tweet geteilt. Passt.)

Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule ist so kompliziert formuliert, dass man lange braucht, um zu begreifen, dass sie zu einfach ist.

Wer sich anmaßt, auf 140 Zeichen die Kritische Theorie mal eben für zu simpel zu erklären und in diesem kurzen Stück Text sogar noch eine Redundanz zu verbauen, ist an Selbstgefälligkeit und Arroganz nicht mehr zu überbieten. Unbewusst drängt die Einsicht durch, dass er zu blöd für Adorno und Kollegen ist. Und bekanntlich ist die Macht der Verdrängung heftig und gnadenlos. Hier jedenfalls reißt sie einen alten Herren in die Tiefen der Niveaulosigkeit.

Alle Verrücktheiten der Grünen gehen auf Ernst Haeckels Monismus zurück.

Zugegeben: Die eine oder andere Verrücktheit haben die Grünen schon zu bieten. Aber hier geht doch der nächste markige Spruch in die Hose, weil sich Bolz selbst ins Knie schießt (und dies nicht einmal merkt): Alle Verrücktheiten der Grünen auf einen Grund zurückzuführen, entspricht genau dem, was Monismus meint – also dem Versuch, alles Mögliche auf eine Ursache zu reduzieren. Hut ab, Herr Boltz, ein Selbstwiderspruch in 10 Wörtern, und das mit Professorengehalt.

Klassiker wie Hegel und Marx sind Teddybären für Intellektuelle.

Das Motto könnte lauten: Wenn Bullshit ist, was ein cooler Spruch sein soll. Teddybären für Intellektuelle? Das bedeutet genau was, Herr Bolz? Den Rest der Story gibt es womöglich nur in Ihrer Phantasie.

Die Ungleichheit, an der die Linksintellektuellen wirklich leiden, ist die zwischen ihrem hohen Status und ihrem bescheidenen Einkommen.

Putzige Arithmetik. Erhofft sich Bolz mit seinem üblen Rechtsgebrüll eine Gehaltserhöhung? Soll dieser Spruch uns bedeuten, dass dann die Ungleichheit, der Rechtsintellektuelle nachjagen, jene zwischen ihrem niedrigen Status und ihrem hohen Einkommen sein soll? Das allerdings könnte sein.

Die Lektüre des „Spiegel“ ist für einen selbständig denkenden Menschen unverzichtbar – im Sinne der Feindbeobachtung.

Was Medienkritik war, soll Kriegsrhetorik werden. Bolz rasselt mit seinem Seniorensebel und scheint frustriert, weil er damit niemanden abstechen kann. Den Spiegel jedenfalls zu kritisieren, ist durchaus nötig (allen voran Jan Fleischhauer, der nicht selten mit Bolz auf einer Welle schwimmt). Ihn dagegen zum Feind zu erklären, ist die Sprache der Demagogen.

Wir haben die Kontrolle über unsere Vergangenheit verloren, die mittlerweile umgeschrieben wurde und nun als Kette von Schandtaten erscheint.

Der Herr Wissenschaftler will also die Kontrolle über die Vergangenheit. Ist das nur doof oder schon Gotteslästerung? Kontrolle in diesem Zusammenhang jedenfalls heißt, dass Bolz die Deutung der Geschichte im Griff haben und bestimmen will. Als Akademiker sollte er den heiligen Spruch der Historiker eigentlich kennen: Es gibt ein Vetorecht der Quellen.

Diese Liste bizarrer Sprüche ließe sich fast beliebig verlängern. Der ganze Account wirkt wie ein rhetorischer Truppenübungsplatz – und Bolz ist der Rekrut, der endlich scharf schießen will. Die gekrampften Verdichtungen, denen Bolz aus Mangel an Kompetenz jeden Sinn opfert, fallen sogar weit hinter die Qualitäten eines „Faschingsgoebbels“ (Die Zeit) wie Bernd Höcke  zurück. Irgendwie drängt sich der Eindruck auf, Bolz wäre so gern wie Trump. Oder genauer: Er wäre gern Trump und übt schon mal twittern. Eigentlich will man ihm nur zurufen: Opa, leg das Handy weg!

    1. Ohne Frage ist das ein Riesenproblem, und ich bin sofort dabei, wenn es darum geht, endlich wieder soziale Fragen in den Vordergrund zu stellen. Man sollte das aber nicht gegen Genderkisten ausspielen. Schließlich: Ein Argument für Norbi Bolz ist das nun auch nicht gerade. Eine soziale Frage hat der nicht auf dem Zettel, die AfD auch nicht. Also was soll der Kommentar an dieser Stelle?

  1. Ich denke es gibt da in der Tat verschiedene Wahrnehmungen, das stimmt. Ein Punkt von Bolz scheint mir aber teilweise zu stimmen:

    Der „Kampf gegen Rechts“ ist eine Kollektivpsychose, die den Linken die Einsicht erspart, dass sie kein politisches Thema mehr haben.

    Ich stimme nicht zu das sie kein Thema mehr haben, sondern ich finde das sie sich auf „bequeme“ Themen wie Gender und Rechts bequem zurückgezogen haben, weil es Publicity bringt und leicht ist. Wenn ich dann in Berlin sehe, wie sich junge Leute stolz auf Fahrräder schwingen um Pizza auszufahren und das noch geil finden, dann weiß ich wo es hapert. Aus meiner Sicht sind die Linken bequem geworden.

  2. Es wird natürlich keener mehr von der Gestapo abgeholt, aber darum geht es doch nicht. In dem Welttext steht ein schöner Abschnitt wir Comedians sich heute jedes Wort 3mal überlegen – aus Angst um den Job.

    Ich denke das die Linksliberalen ihre Massgabe, den Gang „durch die Institutionen“ seit 1968 leider super umgesetzt haben. Angestellte müssen sich doch dreimal überlegen was sie sagen, wenn sie noch ne Chance auf beförderung haben wollen, ob bei der ARD, Stadtverwaltungen, caritas etc.

    Schau mal hier: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/brueste-und-po-studentenwerk-goettingen-beendet-ausstellung-a-1176889.html

    Das ist doch Unfreiheit pur, oder etwa nicht? Und diese Leute besetzten dann die Posten später die Gerichtsurteile verfassen und Gesetzte machen, Leute befördern – und darüber entscheiden wer „hoch kommt“ und wer nicht. Ein Idiot, der sich dann kritisch über Winwanderung oder was wees ich äussert. Und darum geht es – du brauchst Kohle und Unabhängigkeit, um in diesem Land konträre meinung zu haben. Sonst geht es nur unter Inkaufnahme massiver Nachteile.

    In den 50ern betraf das die Linken. hat was mit Menschen zu tun.

    1. Was? Und jetzt sind es überall Linke in den Chefetagen? Putziger Begriff von links. Und dennoch ist das Thema inszeniert und völlig übertrieben, als gäbe es eine Art Codex, an den man sich zu halten habe. Die Unis etwa, die kenne ich ganz gut, sind immer schon strukturkonservative Einrichtungen. Heutzutage ist dennoch einiges mehr erlaubt als noch vor 30 oder 40 Jahren, rhetorisch und etwa in Bezug aufs Äußere. Die von dir aufgerufene Gängelung ist eine Imagination von Leuten, die nur ihre Ansicht gelten lassen wollen und erbost darüber sind, dass durchaus Unterschiedliches gesprochen wir. Diejenigen, die am lautesten „Meinungsdiktatur“ (frei und ohne späteren juristischen Schaden übrigens) brüllen, sind genau die, die am Ende nur eine Meinung gelten lassen wollen. Das Viele, was gesagt wird, gehört in ihren Augen verboten. Das sieht man übrigens an Baberowski, Steimle und anderen, die schnell mal klagen (und verlieren), weil Leute sie „rassistisch“ genannt haben – aber die ganze Zeit von Meinungsfreiheit schwafeln. Dieses Fantasiegebilde, dieser Popanz von wegen Meinungsdiktatur oder Selbstzensur ist so leicht durchschauen, dass fast wehtut.

  3. Schade das kritische Dialoge in einer selbstkonditionierten Gesellschaft, in der Abweichung von der herrschenden (linksliberalen) Meinung unter „Rechtsradikalismus“-Vorwürfen und je nachdem gesellschaftlichem Ausschluss nicht mehr möglich sind. Man sollte Bolz dankbar sein, zumindest kritische Thesen aufzustellen anstatt immer wieder ins gleiche Horn zu blasen.

    Gut geschrieben – drückt die ganze Misere aus:
    https://www.welt.de/motor/article170436572/Die-neue-Anspruchslosigkeit-junger-Menschen.html

    1. Das ist so lächerlich. Nix Ausschluss, nix Meinungsdiktatur. Berlinbär: Wo denn? Ich kritisiere Bolz anhand dessen, was er schreibt. Kein Verbot, kein Ausschluss, nichts davon. Diese lächerlichen Phantomschmerzen, dieses Gejammer über nicht existente Unterdrückung, es nervt.

  4. „Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule ist so kompliziert formuliert, dass man lange braucht, um zu begreifen, dass sie zu einfach ist.“

    Die hat Karl Popper schon genüsslich auseinandergenommen. Viel Gerede um des Geredes willen, so dieser, und: „Vielleicht bin ich zu dumm dazu.“ Eine schallendere Ohrfeige ist nur schwer vorstellbar.

    1. Ja, mag sein. Aber das sie zu einfach sei, hat sich nicht mal Popper getraut zu sagen. Und ein „vielleicht“ ist etwas ziemlich anderes.

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